Andalusien 2018: Rund um die Sierra Nevada, die Sierra Tejeda und auf den Pico del Veleta (3.384 m)

Andalusien! Für uns als Radclub war Andalusien bis zu dieser Reise im Herbst 2018 ein weißer Fleck auf der Radlandkarte. Natürlich war schon der eine oder andere irgendwann im Süden Spaniens zu Gast, vielleicht manch einer sogar mit dem Rennrad, aber mit dieser organsierten Reise betraten wir als Radclub quasi „Neuland“. Und eines gleich vorweg: Es war absolut großartig!

Primäres Ziel dieser Reise war die Gebirgskette der Sierra Nevada und die Auffahrt auf den Pico del Veleta, denn dieser Berg ist mit 3.384 Metern der höchste Punkt in Europa, den man mit dem Rennrad anfahren kann.

Die Tour auf den Pico del Veleta war also schon fix vorgegeben, für die restlichen Touren begab sich unser Obmann Gerhard Trimmel auf Streckensuche, konzipierte eine insgesamt 6-tägige Rundtour inklusive Mietauto für den Gepäcktransport und übernahm somit die Organisation dieser Reise. Eineinhalb Tage Sightseeing in Granada inklusive Besuch der Alhambra sollten auch dazukommen, damit neben einer Rad-Kulttour auch der Kulturauftrag erfüllt werden soll.

Zwölf Radclub-Kollegen meldeten sich daraufhin für diese Reise an, die vom 20. bis 28. September 2018 stattfand. Im Folgenden ein kurzes „Reisetagebuch“ mit einigen Bildern.

 

Donnerstag, 20. September 2018: Anreise und Sightseeing in Granada

Bereits um 5:30 Uhr heben wir vom Flughafen Wien-Schwechat Richtung Malaga ab. Nach einem 2-stündigen Bustransfer erreichen wir zu Mittag Granada und stürzen uns ins Stadtgetümmel. Sightseeing ist angesagt. Und das pulsierende Granada ist auch beeindruckend und zieht uns sehr schnell in seinen Bann: Egal, ob es der Besuch der riesigen Kathedrale von Granada, der Alcaicería (ein arabischer Markt) oder der Albaicín mit seinen weißen Häusern und der Mirador de San Nicolas ist – Granada ist absolut sehenswert! Zudem verleiht der arabische Einfluss der Stadt eine ganz besondere Würze, was nicht nur den Düften der vielen Tee- und Gewürzsorten geschuldet ist, die hier in fast jeder Gasse angeboten werden.

 
  0051 Granada 350x200   0014 Granada Kathedrale   0039 20092018 Granada   0008 Granada 350x200  
 
  0089 Granada Albaicin 1015x200
Blick vom Albaicin auf die beeindruckende Anlage der Alhambra, die wir am letzten Tag noch besichtigen werden.
 

 

Freitag, 21. September 2018: Kurzweilige 100 Kilometer über den Blancares, skurrile Höhlenwohnungen und wilde Kampfstiere

Es geht los! Nachdem wir den Mietwagen und unsere Mietrennräder übernommen haben, starten wir in die erste Radetappe.

Kurz nach Granada folgt mit dem Puerto de Los Blancares auch gleich die erste Bergstraße, ein landschaftlich sehr schöner Anstieg bis auf 1.297 Metern. Vor allem die Fahrt entlang des türkis schimmernden Stausees kurz vor der Passhöhe ist ein erster Höhepunkt der Rundtour. Fantastisch!

 
  0102 Puerto de los Blancares 1010x500
   

Beinahe skurril wird es danach in der Ortschaft Purullena und vor allem in Guadix, denn diese Gegend ist geprägt von ihren konischen Erdhügeln und den sich darin befindlichen Höhlenwohnungen. Je nach Geländeform sieht man mehr oder weniger viel von den Wohnungen, die sich großteils unterirdisch ausbreiten; teilweise sind gar nur Schornsteine zu sehen.

 
  0135 Purullena 150x200   0119 La Peza 350x200   0160 Guadix 350x200   0149 Guadix Kathedrale 150x200
0142 Purullena 150x200   0159 Guadix 350x200   0167 Guadix Cogollos de Guadix 350x200   0169 Guadix Stier 150x200
 Das Radfahren steht zwar im Vordergrund, für die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten ist aber auch Zeit eingeplant. Wie etwa in Guadix.
 

Nach Guadix folgt der letzte kurze Abschnitt der Etappe nach La Calahorra. Ganz so „kurz“ sollte dieser aber doch nicht werden, denn irgendwo im Niemandsland übersehen wir scheinbar eine Straßenkreuzung. Auf dem folgenden, knapp 20 Kilometer langen Umweg fehlt zwar ab und zu der Asphalt, dafür durchfahren wir hier eine einsame und landschaftlich interessante Gegend. Als zusätzliche Belohnung für diesen Umweg bekommen wir es mit einigen schwarzen Kampfstieren zu tun, die ob unserer Gegenwart offensichtlich wenig erfreut sind. OK, so tragisch ist es dann doch wieder nicht, denn zwischen uns Radfahrern und den innbrünstig schnaubenden Stieren gibt es ja noch einen „Weidezaun“ – bestehend u. a. aus drei übereinander montierten Leitschienen! Und die dürften gar nicht so umsonst sein …

Einige Kilometer später erreichen wir wieder unsere Originalstrecke und in weiterer Folge unser Etappenziel La Calahorra mit seiner mächtigen Burg, die über der Ortschaft thront. Eine großartige erste Etappe geht zu Ende, die gleichzeitig die Vorfreude auf das noch Kommende weiter ansteigen lässt.

 

Samstag, 22. September 2018: Müsliriegel am Ragua, Kaugummi auf der Chaleco und Schinken in Trevélez

Für das persönliche Wohlbefinden am zweiten Radtag ist nicht unbedingt die Frage „Kaffee oder Tee zum Frühstück?“ ausschlaggebend, sondern vielmehr die Entscheidung betreffend „Etappe lang oder kurz“. Die 120 Kilometer der Langversion sind zwar so einigermaßen überschaubar, mehr ins Gewicht fallen da schon die veranschlagten 3.300 Höhenmeter – es wartet also viel bergauf und bergab.

Und so beginnt auch diese Radetappe: Denn gleich von unserer Unterkunft starten wir in den ersten Anstieg auf den Puerto de La Ragua auf 2.000 Meter. Niemals steil, schöne Ausblicke in die Ebene unter uns und auf die gegenüberliegenden Sierras – so spulen wir relativ „locker“ die 900 Höhenmeter bis zur Passhöhe ab. Oben angekommen, empfängt uns Toni mit unserem Mietauto und einige nutzen gleich die Möglichkeit Wasser nachzufüllen und noch den einen oder anderen Müsliriegel auszufassen. Super Service …

 
  0208 Puerto de La Ragua 350x200   0198 La Calahorra 350x200   0227 Lucainena Darrical 350x200  
 

Da auch die Südseite des Ragua nie wirklich steil ist, folgt eine relativ lange, wunderbare Abfahrt; vorerst bis Laroles. Hier biegen die Fahrer der „Kurzvariante“ direkt nach Trevélez ab, während sechs Mann weiter bergab bis zum Beninar-Stausee fahren.

Ein landschaftliches Highlight folgt nun: Vom Beninar-Stausee fahren wir auf die Venta del Chaleco. Die Bergstraße erreicht zwar „nur“ eine Höhe von 1.295 Metern, aber es sollte noch ein extrem zäher Anstieg werden.

Die Auffahrt beginnt auch sensationell; denn direkt vom Stausee radeln wir kurvenreich auf einer Traumstraße empor. Oder besser gesagt, die Aussicht auf den türkis schimmernden Stausee und die dahinter liegenden Berge ist einfach sensationell, mit jeder Kurve werden die Ausblicke schöner. Einfach nur großartig!

 
  0237 Venta del Chaleco 350x200   0247 Venta del Chaleco 350x200   0244 Venta del Chaleco 350x200  
 

Aber es ist auch ein Anstieg, der sich wie ein Kaugummi zieht: Ein Ende der Bergstraße ist lange nicht in Sicht, nach jeder Kuppe folgt wieder viel Gegend und die Temperaturen von ca. 35 °C tun ihr Übriges.

Die einzige menschliche Ansiedlung entlang dieses ca. 20 Kilometer langen Anstieges ist das kleine Bergdorf Turón, das aber wie ausgestorben zu sein scheint – ausgestorben sein dürfte deshalb auch die Gastronomie, denn ein Gasthaus oder Kaffeehaus gibt es hier scheinbar nicht. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir durch Zufall ein kleines Lebensmittelgeschäft, das sogar „offen“ hat; mehr brauchen wir auch nicht, wir sind ja bescheiden. Und die ältere Dame hat letztendlich auch ihre Freude mit uns, denn sie macht mit uns sechs Radfahrern das Geschäft des Tages – oder gar der ganzen Woche. Bier hatte sie nach unserem Besuch keines mehr und ihren Lagerbestand an Apfelkuchen sowie Eis haben wir auch drastisch reduziert … Am Ende sind alle zufrieden, eine klassische „win-win-Situation“.

 
  0262 Venta del Chaleco 350x200   0260 Venta del Chaleco Feigen 150x200   0276 Venta del Chaleco 150x200   0254 Venta del Chaleco Turon 350x200  
 Viel Landschaft durchfahren wir im Anstieg auf die Venta del Chaleco und eine denkwürdige Einkehr bei einem Greißler in Turón.
 

Gestärkt spulen wir also die restlichen Kilometer des Anstieges ab und erreichen die vermeintliche Passhöhe der Venta del Chaleco. Die folgende Abfahrt ist aber gleich wieder zu Ende und es geht wieder bergauf; bis zur nächsten „Passhöhe“. Dieses Spiel wiederholt sich noch einige Male – auch so kann ein Pass mit nur 1.295 Metern sehr anspruchsvoll sein. Interessant ist zudem, dass wir bis etwa 1.100 Metern eine gottverlassene Gegend mit maximal einigen Olivenbäumen durchfahren haben, auf den Höhenrücken der Venta del Chaleco aber plötzlich Weinbau betrieben wird.

Irgendwann geht es für uns aber doch nach Cádiar bergab und auf Grund der Hitze kehren wir kurzfristig nochmals stilvoll ein: Nämlich bei einer Tankstelle. Danach folgen die letzten 30 Kilometer an den Abhängen der Sierra Nevada entlang (oder eigentlich bergauf) bis wir auf 1.600 Metern Höhe das berühmte Schinkendorf Trevélez erreichen. Mit einigen cervezas, vino tintos und ausgezeichnetem jamón serrano aus Trevélez geht ein wunderbarer, aber auch anstrengender Tag zu Ende. „Salud!“

 
  0282 Cadiar 350x200   0294 Trevelez 350x200   0301 Trevelez 350x200  
 Die nächste Einkehr: Dieses Mal bei einer Tankstelle in Cádiar. Blick auf Trevélez und köstlicher jamón serrano zu später Stunde. Dieses Mal sogar in einem Lokal ...
 

 

Sonntag, 23. September 2018: Über die sensationelle Cabra

Heute wartet der Collado de los Poyos del Pescado, in der Kurzform als Puerto de la Cabra oder unter Einheimischen angeblich auch nur als „Cabra“ bezeichnet. Zwar nur 1.274 Meter hoch gelegen, aber sie soll eine der schönsten Bergstraßen in ganz Andalusien sein.

Los geht es in Trevélez. Die weißen Häuser des Schinkendorfs, darüber der blitzblaue Himmel – welch ein Farbkontrast beim Start in die dritte Radetappe! Noch dazu rauschen wir auf den kommenden ca.40 Kilometern fast nur bergab, passieren dabei einige der wunderschönen weißen Dörfer und das alles bei sehr angenehmen Temperaturen. Was will man da noch mehr?

 
  0331 Trevelez 350x200   0347 Orgiva 150x200   0345 Orgiva 150x200   0346 Orgiva 350x200  
 

Zum Beispiel einen Kaffee mit Mehlspeise. Und deshalb genehmigen wir uns ein zweites Frühstück in der schmucken Kleinstadt Orgiva, noch dazu wo wir ja schon 45 Kilometer am Tacho stehen haben; wenn auch fast nur bergab. Danach geht es weiter Richtung Meer, bis kurz vor Salobrena der Ernst des heutigen Tages beginnt: Es folgt der lange Anstieg auf die Cabra.

Zuerst fahren wir in der Mittagshitze durch etliche Gemüsefelder hinauf nach Itrabo, wo nach dieser Ortschaft (unnötigerweise) eine Abfahrt von etwa 200 Höhenmetern folgt. Etwas bitter, wenn man eigentlich bergauf fahren soll …

 
  0383 Puerto de la Cabra   0412 Puerto de la Cabra 350x200   0373 Otivar 150x200   0388 Puerto de la Cabra 350x200  
 

Nach einer Stärkung in Otivar beginnt dann der eigentliche Anstieg, der gleich nach der Ortschaft sehr kehrenreich nach oben führt. Von Gemüseanbau ist hier keine Rede mehr, vielmehr durchfahren wir eine sehr alpine Landschaft, die vor allem in den Gipfelregionen etliche steile Felswände und Grate aufweist. Die Gegend ist eigentlich hier schon großartig, noch wissen wir nicht, was noch folgen sollte.

Denn ab ca. 1.000 Metern wechselt das Landschaftsbild nochmals. Vor allem dieser letzte Abschnitt ist sehr beeindruckend und spätestens jetzt wissen wir, warum die Bergstraße über die Cabra tatsächlich etwas Besonderes ist. Die grüne Vegetation hat hier eher das Nachsehen, dominierend ist das Kalkgestein und somit durchfahren wir eine stark verkarstete Landschaft. Fast drängt sich die Frage auf, warum man hier überhaupt auf die Idee gekommen ist, eine Straße anzulegen.

 
  0421 Puerto de la Cabra
Ein Raderlebnis der Extraklasse ist die Fahrt über die Cabra. Ohne Zweifel ein Höhepunkt der gesamten Reise.
   

Tja, eine Straße gibt es hier wahrscheinlich auch deshalb, weil sich die Nordseite der Cabra komplett konträr zum Südanstieg zeigt: Hier finden wir plötzlich eine weite, fast steppenartige Hochebene vor. Von Felsen keine Spur, die Abfahrt ist sogar auf der „flachen Seite“, echte Kehren sind Fehlanzeige.

Wenige Kilometer später erreichen wir unser Etappenziel und mit Blick auf den Bermejales-Stausee stoßen wir mit isotonischen Gerstensaftgetränken auf eine sensationelle Radetappe an. Vor allem die Cabra, einfach großartig; sie ist wirklich Pflicht!

 

Montag, 24. September 2018: Entlang der weißen Dörfer

Heute wartet laut Ausschreibung kein „echter“ Berg auf uns, dafür eine geplante Kaffeepause in Alhama de Granada und dann folgen die berühmten weißen Dörfer Andalusiens. Hört sich nach genug Einkehrmöglichkeiten an, zudem stehen „nur“ 110 Kilometer am Plan – man könnte ja fast meinen, dass es heute relativ locker zur Sache gehen wird. Sehr verdächtig; das wäre ja fast eine Premiere … Zwei Müsliriegel finden dann trotzdem ihren Weg in die Trikottasche. Zur Sicherheit.

Mit Blick über den Bermejales-Stausee starten wir in diese Etappe. Gemütlich spulen wir die ersten 30 Kilometer ab. Bei sehr angenehmen Temperaturen um die 25° C rollt es zudem ziemlich gut und so finden wir uns recht schnell in den Gassen der Kleinstadt Alhama de Granada wieder. Nachdem wir der mächtigen Iglesia (= Kirche) de la Encarnación die Ehre erwiesen haben (ja, ja, der tägliche Kulturauftrag muss erfüllt werden), genehmigen wir uns auf der Plaza Constitucion Kaffee und frischgepressten Orangensaft. Uns geht’s gut …

 
  0476 Alhama de Granada Iglesia de la Encarnacion   0485 Alhama de Granada 350x200   0478 Alhama de Granada Iglesia de la Encarnacion 350x200   0481 Alhama de Granada Iglesia de la Encarnacion 150x200
 

Irgendwann brechen wir dann doch wieder auf und über das 900 Meter hoch gelegene Ventas de Zafaraya nehmen wir eine herrliche Abfahrt in Richtung Viñuela in Angriff. Leider bleibt es bei „in Richtung“ Viñuela, denn diesen Ort bekommen wir nicht zu Gesicht, auch wenn es unsere Ausschreibung so vorgesehen hat. Wir vertrauen stattdessen unserem GPS-Track, der uns aber unbedingt Alcaucin zeigen will.

Tja, Alcaucin wird allen Teilnehmer dieser Tour noch länger ein Begriff sein. Denn schon die Nebenstraße, die uns nach Alcaucin führt, bietet einige böse Stiche, zum Teil jenseits der 20 %. Aber die sind noch relativ kurz und somit überschaubar.

Nach einer Stärkung in einem kleinen Lebensmittelgeschäft in Alcaucin, wird es aber auf den folgenden etwa 7, 8 Kilometern wirklich „legendär“: Auf zum Teil sehr rau betonierten Verbindungsstraßen zu irgendwelchen abgelegenen Fincas geht es extrem steil bergab und – vor allem – noch steiler bergauf, was sogar sehr gute Bergfahrer zum Schieben zwingt. Die kurzen Schotterpassagen machen das Ganze noch delikater.

 
  0515 Alcaucin Canillas de Aceituno 350x200   0507 Alcaucin Canillas de Aceituno 150x200   0514 Alcaucin Canillas de Aceituno   0519 Alcaucin Canillas de Aceituno  
 Was wäre eine Tour, ohne dass man sich zumindest einmal ordentlich verfährt?
 

Jedenfalls erreichen wir nach diesem ca. einstündigen Intermezzo kurz vor Canillas de Aceituno wieder unsere Originalstrecke. Unser Guide und Reiseleiter hat offenbar so etwas wie Schuldgefühle und schmeißt gleich zwei Getränkerunden. Prost! Na dann ist ja alles wieder gut. Oder fast alles …

Das eigentliche Highlight dieser Etappe folgt aber jetzt: Die berühmten weißen Dörfer Andalusiens! Speziell hier an der Südseite der Sierra Tejeda sind diese Dörfer wie an einer Perlenschnur aufgefädelt. Egal ob Sedella, Canillas de Albaida, Cómpeta oder Frigiliana – ein Dorf ist schöner als das andere und das Radfahren auf dieser Höhenstraße ist einfach ein Traum! Aber ganz „gratis“ gibt es diese Schönheiten auch nicht, denn speziell in Canillas de Albaida stellt sich der Asphalt neuerlich wie eine Wand auf und fordert von so manchen von uns die letzten Reserven.

 
  0572 Canillas de Albaida   0543 Sedella 350x200   0521 Canillas de Aceituno   0588 Competa  
0551 Sedella   0586 Competa   0522 Canillas de Aceituno   0565 Salares  
An der Südseite der Sierra Tejeda erleben wir Andalusien wie aus dem Bilderbuch.
 

Wenn es bergauf geht, dann auch wieder bergab. Und so halten wir während der letzten Abfahrt dieses Tages auf einem unscheinbaren Schotterparkplatz an, der uns dank der tiefstehenden Abendsonne den nachfolgenden fantastischen Blick auf unser Etappenziel Frigiliana gewährt. Ein letzter großartiger Moment eines sehr speziellen Radtages, der uns wegen der beeindruckenden Landschaft und wegen des Abenteuers „Alcaucin“ noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 
  0597 Frigiliana
   

 

Dienstag, 25. September 2018: Über die Küstenstraße und die Mauer von Albuñuelas

Nachdem also der gestrige Radtag von „locker und lässig“ laut Ausschreibung etwa so weit entfernt war, wie Schwaz in Tirol von den weißen Dörfern Andalusiens, sind wir heute etwas vorsichtiger. Also nicht nur, dass zu den obligatorischen zwei Müsliriegeln zusätzlich auch eine Banane ihren Weg in die Trikottasche findet, sondern auch deswegen, weil eine Küstenstraße und die Mauer von Albuñuelas auf uns warten. Und der erfahrene Pedaleur weiß: Bei einer Küstenstraße ist immer Vorsicht geboten. Denn die ist selten flach und zwischen den Buchten bzw. Badeorten ist stets ein – richtig! – Hügel. Von dieser Mauer, die dann auch noch folgen soll, ganz zu schweigen …

Naja, wie auch immer … Jedenfalls beginnt auch diese Etappe wie jene der letzten Tage: Sehr gemütlich, das kennen wir schon. Zu Beginn radeln wir nämlich in flotter Fahrt bergab und erreichen nach etwa 15 Kilometern Abfahrtsspaß die Kleinstadt Nerja, die auf Meeresniveau liegt. Auch heute darf etwas Kultur – oder besser gesagt „Sightseeing“ – nicht fehlen, und so lotst uns unser Reiseguide durch die Stadt Nerja zum berühmten Balcón de Europa, der uns einen großartigen Panoramablick über die Küste bei Nerja bietet.

 
  0613 Frigiliana   0616 Nerja Balcon de Europa   0636 La Herradura 335x200  
Der Tag der Gruppenfotos: Am Start in Frigiliana, am Balcón de Europa in Nerja und am Strand von La Herradura
 

Danach folgt auf den nächsten ca. 40 Kilometern ein Ritt über die Küstenstraße Richtung Motril. Die Anstiege sind zum Glück eher moderat und so genießen wir die Ausblicke auf die Weite des Mittelmeeres, auch wenn der Verkehr hier etwas lästig ist.

Im Badeort La Herradura ist wieder Zeit für die tägliche Vormittags-Kaffeepause. Heute direkt am Sandstrand, wo sogar einige von uns in das immer noch sehr warme Meer springen.

 
  0629 Nerja La Herradura   0622 Nerja Puente del Aguila Adlerbruecke 150x200   0634 La Herradura   0638 La Herradura  
 Herrliche Küstenstraßen zwischen Nerja und Salobreña. Am 2. Bild: Die Puente del Aguila ("Adlerbrücke") bei Nerja.
 

Damit nicht gar ein Schlendrian einreißt, setzen wir um die Mittagszeit unsere Fahrt fort. Bei Salobreña verlassen wir die Küstenstraße und wenden uns wieder der einsamen Bergwelt Andalusiens zu. Auch wenn die Kette nun wieder auf die größeren Ritzel wandert, ist die Ruhe und ursprüngliche Landschaft, die wir hier in den folgenden zwei, drei Stunden erleben, eine Wohltat und das genaue Gegenteil der viel befahrenen Küstenstraße von vorhin.

Bei Pinos del Valle kehren wir kurz in die Zivilisation zurück, auch wenn wir hier vergeblich nach einer Einkehrmöglichkeit suchen. Und dann folgt das vermeintlich letzte Kriterium dieses Tages, die Mauer von Albuñuelas. Nach dem gestrigen Abenteuer bei Alcaucin sind wir ja einiges gewohnt und so nähern wir uns mit einigem Respekt der „Mauer“. Aber die ist letztendlich fast eine Enttäuschung. Ja, die Straße hebt zwar zwei, drei Mal gehörig an; das aber nur für maximal hundert Meter und viel schneller, als wir glauben wollen, finden wir uns am höchsten Punkt der Muro de Albuñuelas wieder.

Nachdem alle Herausforderungen dieses Tages erledigt sind, ist während der restlichen 30 Kilometer fast schon lockeres Ausfahren angesagt. Nach einer gemütlichen Rast mit einigen cervezas in Cozvijar, beweist unser Reiseleiter einmal mehr, dass er sich – bis auf den Fauxpas bei Alcaucin – sehr gut vorbereitet hat. Über den einspurigen Camino de los Molinos cruisen wir auf den folgenden ca. 15 Kilometern entlang von Trockensteinmauern sehr entspannt bis fast in die Vororte unseres heutigen Etappenziels Granada. So herrlich kann Radfahren sein!

 

Mittwoch, 26. September 2018: Hohes Finale am Pico del Veleta auf 3.384 m

Heute steht der krönende Abschluss dieser Radreise am Programm: 50 Kilometer Anstieg, bis wir auf 3.384 Metern den höchsten mit dem Rennrad anfahrbaren Punkt in Europa erreichen!

Dass es heute ernst wird, war schon am Abend des Vortages klar, als unser Reiseleiter mit nicht überhörbarem Nachdruck „8:30 Uhr“ als Abfahrtszeitpunkt für die heutige Etappe ausgab. An den bisherigen Tagen sind wir um 8:30 Uhr noch beim Frühstück gesessen … wir sind ja im Urlaub … aber heute scheinbar nicht mehr.

Nachdem alle von uns ihre Räder aufgenommen haben, navigieren wir zuerst einmal durch den morgendlichen Stadtverkehr in Richtung Sierra Nevada, genauer gesagt nach Monachil. Wer unseren – heute sehr fokussierten – Reiseleiter kennt, der weiß auch, dass er Hauptstraßen genauso meidet wie der Teufel das Weihwasser. So kommt es also nicht von ungefähr, dass wir uns anstelle der breiten (und vermutlich eher mäßig ansteigenden) Hauptstraße in die Sierra Nevada auf der Nebenstraße über Monachil befinden. Diese mündet zwar auf ca. 1.500 Metern in die erwähnte Hauptstraße, bis dahin müssen wir aber mit den Tücken kämpfen, die solche Nebenstraßen oftmals mit sich bringen. Und im konkreten Fall liegen die hier um oder über 10 % …

 
  0700 Monachil Collado del Muerto   0688 Monachil Collado del Muerto 350x200   0714 Collado del Muerto   0697 Monachil Collado del Muerto  
 

Tatsächlich überholt uns auf dieser verkehrsarmen Nebenstraße auch nur ein einziges Auto. Und dieses ist sehr auffallend, es trägt nämlich – neben einem Radträger am Autodach – die Aufschrift „Movistar“, gefolgt von drei Rennradfahrern in spanischen Nationaltrikots. Unser Fotograf, der sich zwischenzeitlich einen Vorsprung herausgefahren hatte, bringt sich mit seinem Teleobjektiv in Position, um die kurze Abfahrt, die wir noch vor uns haben, fotografisch festzuhalten. Als ihm drei Radfahrer „durchs Bild fahren“, drückt er auf den Auslöser. Entstanden ist dieses Bild:

 
  0706 Collado del Muerto   
Schnappschuss: Vier Tage später ist der zweite Fahrer bei der Straßenradweltmeisterschaft in Innsbruck Weltmeister geworden. Es war Alejandro Valverde …
 

Nicht nur diese Episode ist erledigt, sondern auch jene der Nebenstraße. Somit biegen wir nach dieser ersten Prüfung auf die Hauptstraße Richtung Pradollano ein, die zwar in weiterer Folge nur mäßig ansteigt, der Verkehr ist aber doch etwas lästig.

 
  0735 Pradollano Hoya de la Mora   0729 Collado de las Sabinas Pradollano   0733 Pradollano  
Statt über die Anzahl der Kehren wird man über die aktuelle Höhe informiert. Ab 2.500 Metern wird's hier erst spannend. Und noch fehlen über 800 Hm!
 

Auf etwa 2.300 Metern passieren wir den Retortenskiort Pradollano und erreichen wenig später auf einer Höhe von 2.500 Metern einige Imbisshütten, die uns auch sehr willkommen sind. Während man an vielen Alpenpässen schon längst ein Passschild passiert hat, beginnt hier erst das Finale: Die Imbisshütten, der öffentliche Parkplatz und die danach folgende große Schranke markieren nämlich das Ende für den öffentlichen Verkehr. Ab hier folgen noch über 800 Höhenmeter bis zum Gipfel des Pico del Veleta, die nur Fußgänger und eben Radfahrer in Angriff nehmen dürfen.

Etwas angespannt sind wir nicht nur wegen des nun aufziehenden Nebels, sondern auch weil es über diesen letzten Abschnitt einige besorgniserregende Berichte im Internet zu lesen gibt, was die Straßenqualität anbelangt.

 
  0740 Pico del Veleta   0742 Pico del Veleta  
  0744 Pico del Veleta    
 

Vor Ort präsentiert sich die Straße aber in einem tadellosen Zustand. Bei geschätzten fünf bis sieben Steigungsprozenten rollen wir überraschend locker bergauf. Die Umgebung gleicht mit zunehmender Höhe immer mehr einer Mondlandschaft, in der Schuttflächen und Felsen dominieren, zudem sind die Temperaturen längst in den einstelligen Bereich gesunken. Mit dem umherziehenden Nebel ist es zudem schwer zu sagen, wo der Himmel anfängt und wo der Boden aufhört. „Enterisch“ – fällt da dem gebürtigen Mostviertler spontan ein …

Abgesehen von der sehr dosierten Gastfreundschaft hier oben – wir befinden uns längst über der 3.000er-Grenze – kommen wir überraschend gut voran. Unser „Fahrerfeld“ hat sich längst aufgelöst und jeder kämpft für sich selber. Einige hatten am Morgen zwar noch Bedenken über die Sinnhaftigkeit bzw. die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens, aber auch bei diesen Radkollegen dominiert nun der Ehrgeiz, das Ziel auf 3.384 Metern zu erreichen. Nach mehr als 2.000 Höhenmetern bergauf ist ein Umkehren so knapp vor dem Ziel nun keine Option mehr.

 
  0772 Pico del Veleta   0755 Pico del Veleta   0764 Pico del Veleta  
"Offroad"-Qualitäten sind kurz unterhalb des Pico del Veleta gefragt, aber auch dieser letzte Abschnitt ist relativ gut fahrbar.
  0801 Pico del Veleta   0784 Pico del Veleta   0800 Pico del Veleta  
Auf den letzten Metern zum Gipfel, der dann eher unspektakulär ist (Bildmitte) und ein herrlicher Tiefblick nach Süden.
 

Auf etwa 3.200 Metern zeigt der Pico tatsächlich noch seine Zähne. Die letzten Liftanlagen haben wir unter uns gelassen und so wird schlagartig der Asphalt schlechter oder besser gesagt, die Löcher in der Asphaltdecke werden länger als der Asphalt selber. Wenig später, auf etwa 3.300 Metern, folgt dann nur mehr eine Schottertrasse, die aber durchaus noch fahrbar ist. Und irgendwie passt es dazu, dass wir auf den allerletzten Metern unsere Räder tragen müssen, um den höchsten Punkt zu erreichen. Geschenke gibt es am Pico del Veleta nicht.

Und so haben es die ersten von uns geschafft, wir stehen auf 3.380 Metern, am Pico del Veleta! Ziel erreicht! Und selbst jene, die während der Auffahrt noch meinten, dass sie der Pico heute sicher nicht mehr sehen wird, schaffen es bis zum Gipfel, wenn auch mit etwas Verspätung, aber das ist völlig nebensächlich.

 
  0803 Pico del Veleta   0808 Pico del Veleta  
    0805 Pico del Veleta  
 

Gratulation allen zehn Startern der heutigen Etappe zum Gipfelsieg! Leider gibt es kein gemeinsames Gipfelfoto, denn auf Grund der 4 °C am Gipfel sind einige schon am Weg zurück bzw. in wärmere Regionen, während sich andere erst die letzten Meter zum Pico hoch kämpfen.

Einziges Manko sind die bescheidenen Wetterverhältnisse am Gipfel, nur kurz lichtet sich ab und zu der Nebel und gibt Ausblicke in die Bergwelt frei. Den höchsten Punkt der Sierra Nevada, den 3.482 Meter hohen Mulhacén, sehen wir leider gar nicht.

Etwas Besonderes ist natürlich auch die Abfahrt von 3.380 Metern bis nach Granada, das auf 700 Metern liegt. Nach Pradollano nehmen wir aber nicht mehr die Variante nach Monachil, auch nicht die Hauptstraße nach Granada, sondern wählen die dritte Möglichkeit über Güéjar Sierra. Dort angekommen, steuern wir den ersten Gastgarten an und stoßen mit einer Runde cerveza auf diese außergewöhnliche Tour an. Salud!

 
  0823 Pico del Veleta
   Wenn man lange bergauf fährt, darf man auch lange bergab fahren. Die ersten Sonnenstrahlen sind eine Wohltat, hier auf etwa 2.800 Meter.
   

 

Donnerstag, 27. September 2018: Nach der Kulttour folgt nun die Kultur!

Nachdem wir am Vormittag unsere Mieträder zurückgegeben haben, darf als Abschluss dieser Reise eine ausführliche Führung durch das UNESCO-Weltkulturerbe Alhambra nicht fehlen. Ein gewaltiges Bauwerk, das die Mauren, vor allem die Dynastie der Nasriden, hier hinterlassen haben und das auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Absolut sehenswert!

Der folgende 28. September 2018 steht nur mehr im Zeichen der Heimreise. Über Malaga fliegen wir wieder zurück nach Wien-Schwechat.

 

Fazit der Reise:

Einfach nur großartig, es war eine wunderschöne Radreise! Perfekt war – und das sei abschließend auch erwähnt – die Mischung aus Radfahren und Besichtigung von Sehenswürdigkeiten. Man kann etwa bei Guadix die Umfahrungsstraße nehmen oder – wenn man es weiß bzw. entsprechend vorbereitet ist – die Straße in die Altstadt wählen, sich die Kathedrale und das Höhlenviertel ansehen. Und zum Glück haben wir oft die „Touristenvariante“ gewählt, denn letztendlich darf auch der klassische Urlaub nicht zu kurz kommen. Und so sind am Ende eines Tages 130 Kilometer am Tacho meistens sinnvoller und „nachhaltiger“ als beispielsweise 180 Kilometer.

Das soll’s nun auch gewesen sein. Dankesworte dürfen aber trotzdem nicht fehlen, deshalb: Danke an alle Teilnehmer, denn ohne sie hätte diese Reise nicht stattgefunden, besten Dank auch an Toni Karner sowie Gerhard Lienbacher, die uns im Mietauto begleitet und unser Gepäck transportiert haben und ein großes Dankeschön an unseren Organisator und Reiseleiter Gerhard Trimmel, der für den Radclub eine wahrhaft sensationelle Reise auf die Füße gestellt hat.