Race across Austria 2025

Unser Obmann Gerhard Trimmel stand im August 2025 am Start des Race across Austria (RACA). Nachfolgend der erste Beitrag vom 24. August, der unter anderem Wissenswertes zum Reglement des RACA enthält, gefolgt vom Rennbericht unseres RCP-Starters.


Wir drücken die Daumen! (Beitrag vom 24. August)

Obmann Gerhard Trimmel startet am Mittwoch, den 27. August 2025 beim Race across Austria (RACA) in der “East to West 1000”-Version. Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, führt die Strecke vom Osten in den Westen Österreichs über insgesamt 1.000 Kilometer und 16.000 Höhenmeter.

Die Veranstaltung beginnt in Nickelsdorf im Burgenland und führt die Teilnehmer u.a. über Semmering, Sölkpass, Turracher Höhe, Kartitscher Sattel, Großglockner, Gerlospass, Kühtai, Hahntennjoch, Hochtannberg und Faschinajoch nach Feldkirch in Vorarlberg.

Wissenswertes zum Reglement des RACA: Die Strecke ist fix vorgegeben und jeder Teilnehmer muss dem GPS-Track des Veranstalters folgen. Hilfe von außen, Windschattenfahren etc. ist natürlich nicht erlaubt – jedoch gibt es beim RACA drei sogenannte Base Camps, die gleichzeitig auch als Kontrollstellen dienen. Jeder Teilnehmer erhält bei der Registrierung und beim Material-Check am Startort drei „DropBags“ (ähnlich einem klassischen „Turnsackerl“), die von jedem Teilnehmer befüllt werden können und vom Veranstalter zum jeweiligen Base Camp (und danach ins Ziel) transportiert werden. Zusätzlich wird ein Gepäcksstück auch vom Start in den Zielort transportiert. Also ein „unsupported light“-Event …

Gerhard wird mit der Startnummer 104 am Mittwoch um 10:30 Uhr in Nickelsdorf ins Rennen starten. Er hat die „Race“-Version mit einem Zeitlimit von 88 Stunden gewählt. (Zusätzlich gibt es auch eine „Adventure“-Kategorie, die einen Tag vorher starten und ein Zeitlimit von 112 Stunden haben.) Wir wünschen alles Gute und natürlich eine Zielankunft in Feldkirch!


Das war das RACA aus Sicht unseres Teilnehmers

Ein Bericht von Gerhard Trimmel.

Die Tage bis zum Start …

Die 1.050 Kilometer und 16.000 Höhenmeter sind das eine. Das andere ist das angekündigte Schlechtwetter mit Regen und kühlen Temperaturen. In den Tagen vor dem Start mischte sich zum Respekt vor der Herausforderung eine ungewohnte Nervosität: Welche Ausrüstung schicke ich in welche Base-Camps? Welche Kleidungsstücke muss ich ständig am Rad mitführen? Die Folge waren Nächte, in denen ich stundenlang wach im Bett lag, und durchfallsartige Erscheinungen – etwas, das bei mir äußerst selten vorkommt. So stehe ich nun in Nickelsdorf in einem Zustand im Startbereich, der mir eigentlich gar nicht gefällt: übermüdet, mit einem flauen Gefühl im Magen und dem Eindruck, hier völlig deplatziert zu sein.

Anders Nils Oyen aus Bayern – mit ihm habe ich mir in der Nacht vor dem Start erneut ein Zimmer geteilt. Als ich ihn beim Abendessen nach seiner Taktik für das Rennen fragte, kam ohne Zögern die Antwort: „Ich fahre auf Sieg.“ Eine Frage, die ich mir wohl hätte sparen können. Wer die Mittelgebirge Classique 2025 bereits gewonnen hatte – und dabei schneller war als ein gewisser Robert Müller –, für den war diese Ansage kaum mehr als eine nüchterne Feststellung. Unsere Voraussetzungen könnten also unterschiedlicher kaum sein.

Mittwoch, 27. August: Mühsamer Beginn

Fünf Minuten vor meinem Start um 10:30 Uhr werde ich als nächster Starter auf die Rampe gerufen – und bin überrascht. Zwar haben sich nur wenige Interessierte eingefunden, dennoch gibt es einen Kommentator: den ehemaligen RAAM-Sieger Pierre Bischof. Er ist also nicht nur „vom Fach“, sondern auch bestens vorbereitet. Er stellt mir Fragen über unseren Radclub und über die von uns absolvierten Radreisen. Glücklicherweise schwindet in diesem kurzen Gespräch meine Nervosität, und pünktlich um 10:30 Uhr rolle ich von der Startrampe.

Wenn man in den Tagen zuvor wegen durchfallsartiger Erscheinungen zu viel Zeit auf der Toilette verbringt und zusätzlich unter Appetitlosigkeit leidet, ist es wenig verwunderlich, dass sich die ersten 120 Kilometer Richtung Semmering zäh gestalten. Wobei „zäh“ fast eine Untertreibung ist. In Gloggnitz bin ich regelrecht leer. Ich muss mir verbieten, zum Handy zu greifen, zu Hause anzurufen und mich in Mürzzuschlag abholen zu lassen. Es scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, auch weil Müsliriegel und Gels bis jetzt kaum Wirkung zeigten. Erst das bekannte schwarze Zuckerwasser, das ich mir in Gloggnitz kaufe, scheint zu „greifen“. Als die Steigung auf den Semmering beginnt, fühlt sich das Radfahren erstmals wieder „richtig“ an. Ich überhole sogar einige Teilnehmer, die mich zuvor im Flachen abgehängt hatten.

Um 15:05 Uhr erreiche ich die Passhöhe des Semmerings und steuere die Talstation der Zauberbergbahn an – ich brauche erneut ein WC. Ich kann es gleich vorwegnehmen: Zum Glück sollte es das letzte Mal sein. Danach verpflege ich mich noch in einem Lebensmittelgeschäft und rolle hinunter nach Mürzzuschlag.

Es wird wieder …

Die weitere Strecke führt mich über den Schoberpass nach Trieben. Zu meiner eigenen Verwunderung fühle ich mich körperlich zunehmend besser. Vor allem aber kehrt der Appetit zurück, und nach einigen Zwischenstopps in Lebensmittelgeschäften geht es mir am Abend deutlich besser als noch etliche Stunden zuvor in Nickelsdorf.

In mir macht sich sogar so etwas wie Euphorie über die „Auferstehung“ breit, und entsprechend motiviert nehme ich mit Einbruch der Dunkelheit den Anstieg nach Oppenberg in Angriff. Ich war immer der Meinung, mich in Österreich recht gut auszukennen – doch Oppenberg war mir bis zum genauen Studium der RACA-Strecke kein Begriff. Der Anstieg selbst umfasst zwar nur einige hundert Höhenmeter, deutlich anspruchsvoller ist jedoch die anschließende Abfahrt nach Aigen im Ennstal: eine schmale, kurvenreiche Straße, die volle Konzentration verlangt.

Das erste Base-Camp am Sportplatz in Irdning erreiche ich um 21:54 Uhr. Im RACA-Pass hole ich mir den Kontrollstempel und verpflege mich mit Suppe, Brot und mehreren Getränken, die vom Veranstalter bereitgestellt werden. Nachdem ich in den Stunden zuvor überraschend Probleme mit der Radhose bzw. mit Wundreiben hatte, nutze ich die Duschmöglichkeit und wechsle meine komplette Radbekleidung. (Zu jedem Base-Camp habe ich mir im Vorfeld neben Verpflegung auch Radtrikot, -hose und -socken schicken lassen.) Von den „normalen“ Radsocken wechsle ich zudem auf die Wintersocken, denn in den Nächten zuvor lagen die Temperaturen konstant im einstelligen Bereich.

Durch die Nacht

Nach etwas mehr als einer halben Stunde verlasse ich das Base-Camp in Richtung Sölkpass. Mein Plan für die kommenden Stunden: ruhig und souverän fahren, keine unnötigen Kräfte verpulvern. Grundsätzlich klappt das auch – doch Sölkpass und Turracherhöhe sind dann doch keine Anstiege, über die man locker „drüber rollen“ kann.

Der Sölkpass, den ich so steil gar nicht in Erinnerung hatte, zwingt mich über mehrere Kilometer in den leichtesten Gang, um die Steigung einigermaßen kraftschonend zu bewältigen. Wirklich gelingen will das allerdings nicht. Ein eisiger Wind pfeift über die Passhöhe, die ich um 1:20 Uhr erreiche. Beim Auspacken der langärmeligen Jacke muss ich aufpassen, dass der Wind sie mir nicht entreißt. Zudem ist es im Schein meiner Stirnlampe gar nicht so einfach, die Jacke anzuziehen. Konzentriert und vorsichtig starte ich in die Abfahrt. Auf einigen Kilometern liegt tiefer Split, auf der mittlerweile feuchten und ohnehin sehr steilen Straße – eigentlich perfekte Bedingungen für einen Reifenschaden. Glücklicherweise bleibt mir dieser erspart.

Am Radweg führt mich die fix vorgegebene RACA-Strecke durchs Murtal. Müdigkeit spüre ich nach wie vor keine – vielleicht, weil auch einige Kilometer über Schotter führen, da der Radweg nicht durchgehend asphaltiert ist. Die Abwechslung hält also zusätzlich wach.

Im Vergleich zum Sölkpass fühlt sich für mich die Turracher Höhe weniger steil an, als ich sie erwartet hatte. Ein Verkehrszeichen mit Steigungsprozenten erwarte ich vergebens (vielleicht habe ich es übersehen?), dafür taucht um 5:33 Uhr das Passschild der Turracher Höhe auf. Die während der Abfahrt einsetzende Morgendämmerung ist natürlich willkommen, der böige Wind dagegen weniger, im Gegenteil, er fordert volle Aufmerksamkeit.

Ohne Frühstück nach Hermagor

Um ca. 6:30 Uhr rolle ich durch Bad Kleinkirchheim und habe praktisch schon den Duft von warmem Kaffee und frischem Gebäck in der Nase. Bei der ersten offenen Bäckerei fahre ich noch vorbei, da ich mein warmes Gewand erst am Ende der Abfahrt in Radenthein ausziehen möchte. Doch in Radenthein, später in Döbriach am Millstätter See und auch in Paternion finde ich keine offene Bäckerei oder ein Geschäft.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als den Anstieg auf die Windische Höhe in Angriff zu nehmen. Ärgerlich wird es, als ich mich während des Anstiegs völlig sinnlos verfahre – auf einer Bergstraße, auf der man sich eigentlich gar nicht verfahren kann und darf.

Im Gailtal erwischt mich erstmals etwas Regen, wirklich störend sind jedoch die oft katastrophalen Straßenverhältnisse auf manchen Kärntner Landes- und Nebenstraßen. Positiv stimmt mich dagegen, dass ich in Tröpolach endlich ein offenes Lebensmittelgeschäft finde. Wenig später, um 11:15 Uhr, erreiche ich das Base-Camp 2 in Kötschach-Mauthen.

Lesachtal: schwierig und nass

Im Base-Camp esse ich wieder zwei Teller Suppe mit etwas Gepäck und verlasse dieses nach etwa 20 Minuten wieder. Denn laut Regenradar zieht von Südtirol eine Regenfront nach Osttirol und auf trockenen Straßen fahre ich dann doch lieber. Nun folgt das Lesachtal, das, anders als sein Name vermuten lässt, ein ständiges Auf und Ab ist und erst am Kartitscher Sattel auf 1.530 Metern endet. Im Wallfahrtsort Maria Luggau setzt der prognostizierte Regen ein, in Obertilliach schüttet es schließlich richtig. Den folgenden Bildern ist eigentlich nichts Weiteres hinzuzufügen.

„Vorzeitiges“ Ende in Winklarn

Nach dem heftigen Regen am Kartitscher Sattel beruhigt sich das Wetter wieder und ich rolle bei etwas Sonne auf dem nassen Radweg nach Lienz. Hier ziehe ich wieder das Regenradar zu Rate, was für den weiteren Weg nach Heiligenblut heftige Niederschläge ankündigt. Noch deutlicher ist der Veranstalter, der in einer Mitteilung an alle Teilnehmer von einer nächtlichen Befahrung der Großglockner Hochalpenstraße wegen vorherrschendem „Regen, Nebel und Sturm bis zu 90 km/h“ abrät.

Angesichts dieser Umstände und der bereits absolvierten Kilometer fällt es mir leicht, mir ein Quartier in Winklarn zu reservieren. So absolviere ich bei leichtem Nieselregen noch den Iselsberg, der Blick zurück in das Lienzer Becken bzw. die tief hängenden Wolken bedürfen keiner weiteren Erläuterung:

Um etwa 18:30 Uhr steige ich in Winklarn vom Rad, was in Anbetracht der absolvierten Kilometer nicht ganz so g’schmeidig ausfällt. Körperlich fühle ich mich aber in einem relativ guten Zustand, was mich nach 625 Kilometern und 8.135 Höhenmetern sowie einer Netto-Fahrzeit von 26 Stunden und 50 Minuten doch einigermaßen überrascht. Weniger überraschend: Ein Nudelgericht und danach eine Pizza schmecken ausgezeichnet …


Freitag, 29. August – ein nasser Morgen

Um 4:45 Uhr höre ich den Wecker und wenige Sekunden später den Regen, der auf das Dach prasselt. Ein Blick auf das Regenradar gibt jedoch Entwarnung: Die Wolken sollen gegen 5:30 Uhr nach Osten abziehen. Grund zur Hektik gibt es also keinen. Entspannt gehe ich ins Erdgeschoss zum Frühstück, denn der freundliche Herr an der Rezeption hatte mir am Vortag zugesichert, eines für mich bereitzustellen. Eine Kaffeemaschine und ein gut gefüllter Kühlschrank lassen dabei keine Wünsche offen.

Kurz vor 6:00 Uhr starte ich in Richtung Heiligenblut. Zur gewohnten Standardausrüstung kommen an diesem Morgen noch Wintersocken, Überschuhe, Beinlinge, Windweste, Ärmlinge, lange Handschuhe, eine Helm-Unterziehmütze sowie eine griffbereite Regenjacke hinzu. Es ist empfindlich kühl und die Straße ist erwartungsgemäß nass. Was ich bald feststelle: Nachwirkungen der bisherigen 620 Kilometer verspüre ich keine, im Gegenteil, es „läuft“ überaus gut.

Über die Großglockner-Hochalpenstraße bei imposanten Wetterbedingungen

Es sind nicht unbedingt jene Verhältnisse, die man sich für eine Fahrt über die Großglockner Hochalpenstraße wünscht – immerhin bleibt mir Regen erspart. Der Wind schiebt unermüdlich Wolken von Süden gegen den Alpenhauptkamm und als ich kurz nach der Mautstelle beim Kasereck vorbeifahre, kann ich beim Ausatmen meine warme Atemluft beobachten. Sehr frisch also. Entsprechend halte ich das Tempo eher zügig, um eine gewisse „Betriebstemperatur“ zu halten.

Um 8:45 Uhr erreiche ich das Hochtor, schließe die Windweste und flüchte vor dem kalten Südwind durch den Tunnel. Auf der anderen Seite erfüllt sich meine vorsichtige Hoffnung auf besseres Wetter tatsächlich: Es weht etwas weniger Wind, stellenweise setzt sich sogar die Sonne gegen die Wolken durch. Ohne lange zu zögern, starte ich in die Abfahrt zur Fuscherlacke und nehme anschließend die Auffahrt zum Fuschertörl in Angriff. Die Edelweißspitze, die beim RACA ebenfalls zu befahren ist, erreiche ich um 9:06 Uhr.

Anmerkung: Im Nachhinein sollte sich die zügige Fahrt von Heiligenblut bis zur Edelweißspitze – ohne nennenswerte Pausen zum An- oder Ausziehen von Gewand und ohne allzu ausgedehnte Fotostopps – noch als durchaus positiv herausstellen. Mehr dazu später.

Das Bergpanorama von der Edelweißspitze in Kombination mit der Wolkenstimmung ist gewaltig. Nachfolgend einige Impressionen von der Abfahrt. Extrem ist der Wind am Parkplatz zwischen Edelweißspitze und Fuschertörl, wie das erste Bild eindrucksvoll zeigt:

Zumindest bis etwa 1.800 Meter Höhe kann ich die Ausblicke und vor allem die Abfahrt genießen. Danach folgt allerdings eine dichte Nebelschicht über mehrere hundert Höhenmeter inklusive nasser Fahrbahn und vor Kälte zittrigen Händen als Begleiterscheinungen. Auf der grundsätzlich sehr schnellen und steilen Abfahrt nach Ferleiten ist das eine denkbar ungünstige Kombination. Erst in Fusch scheint wieder die Sonne und bei erstmals angenehmen Temperaturen kann ich einige Bekleidungsschichten ablegen.

In flotter Fahrt durch den Pinzgau und auf den Gerlospass

Ab Bruck an der Großglocknerstraße folgt die RACA-Strecke für rund 50 Kilometer dem Tauernradweg bis nach Wald im Pinzgau, wo schließlich der Anstieg über die alte Gerlosstraße auf den Gerlospass beginnt. Ein Abschnitt, den ich dank der (endlich) sehr guten Wetterverhältnisse hochmotiviert absolviere – was sich am flachen Radweg mehrfach in Geschwindigkeiten um die 40 km/h niederschlägt. Mehr als einmal denke ich mir, dass dieses Tempo vielleicht doch etwas gar unvernünftig ist. Lediglich die Pinzgaubahn zwingt mich zu einem kurzen Stopp; ein zweites Mal halte ich aus „dokumentarischen Gründen“ für ein Foto auf der alten, teilweise sehr steilen Gerlosstraße an.

Base-Camp 3 in Gerlos

Um 13:30 Uhr erreiche ich in Gerlos das dritte Base-Camp, lasse meinen RACA-Pass abstempeln und stärke mich mit zwei Tellern Suppe, etwas Gepäck und mehreren Getränken. Aus meinem „DropBag“, der vom Veranstalter hierhergebracht wurde, entnehme ich lediglich einige Riegel; die restlichen Inhalte – Handtuch, Radbekleidung, Schlafsack und Unterlegmatte – gebe ich wieder zurück. Hier einige Fotos vom Base-Camp in Gerlos, das (so die Gebäudebezeichnung) als Bildungszentrum dient:

Nach der Abfahrt ins Zillertal fahre ich auf Nebenstraßen talauswärts. Das Wetter ist bestens, und mein Plan steht fest – nämlich die folgende Nacht durchzufahren und am frühen Morgen im Ziel in Feldkirch anzukommen. Absolut realistisch, auch weil ich mich nach wie vor in einem durchaus guten Zustand befinde. Hier ist die Welt noch in Ordnung …

Weltuntergangsstimmung über Innsbruck

Der bisherige Radtag ist nahezu optimal verlaufen, entsprechend motiviert biege ich ins Inntal ein und fahre nun nach Westen. Auf dem Weg Richtung Innsbruck muss ich allerdings feststellen, dass sich das Wetter mit fast jedem Kilometer verschlechtert. Positiv fällt mir nur Karlskirche bei Volders auf:

Zur nächsten Bergwertung, dem Kühtai, führt die RACA-Strecke nicht direkt durch Innsbruck. Die Teilnehmer dürfen „verkehrsberuhigt“ etwas südlich der Tiroler Landeshauptstadt über Sistrans, Igls, Natters und Axams nach Sellrain radeln. Grundsätzlich eine nette Strecke mit einigen Höhenmetern und schönen Ausblicken ins Inntal sowie auf die Nordkette – wenn nicht eine massive Regenfront von Westen her mit Blitz und Donner heranrollen würde.

Mit Glück erreiche ich einigermaßen trocken Axams. Im folgenden Grinzens jedoch bricht gegen 18:00 Uhr ein Wolkenbruch nieder, vor dem ich mich unter das Vordach eines Hauses retten muss. Genug Zeit, um die Wetterprognosen zu prüfen – diese kündigen Regen und Temperaturen um 5 °C am Kühtai an. Unter diesen Voraussetzungen hat sich das geplante „Nacht-Durchfahren“ erledigt. Ich nutze die Zwangspause, um mir in Sellrain in einem Gasthaus ein Zimmer zu reservieren.

Als der Niederschlag nach einer knappen halben Stunde in normalen Regen übergeht, rolle ich die letzten Kilometer hinab nach Sellrain. Ein Zimmer in einem Gasthaus – grundsätzlich eine taktische Meisterleistung. Vor Ort lese ich allerdings an der Eingangstür, dass es heute keine warme Küche gibt. Ich kann zwar zwei Teller Kaspressknödelsuppe herausverhandeln, aber nach 253 Kilometern und 11½ Stunden Fahrzeit ist man damit auf dem besten Weg zur Unterernährung. Glücklicherweise habe ich am Beginn des Inntals, als ich noch fest daran glaubte, die Nacht durchzufahren, einen kurzen Stopp in einem Lebensmittelgeschäft eingelegt und mir etwas zusätzliche Verpflegung für die Nacht gekauft. Diese verspeise ich dann am Zimmer …


Samstag, 30. August – Überleben!

Mein Wecker läutet um 5:00 Uhr und zu meiner Überraschung höre ich keine weiteren Geräusche. Es regnet also tatsächlich nicht, obwohl am Vorabend noch sämtliche Wettervorhersagen einen Regentag angekündigt hatten. Worauf also warten?

Mit Wetterglück über das Kühtai

Ich packe also zügig meine Sachen zusammen, Frühstück gibt es hier um diese Uhrzeit ohnehin nicht und um 5:25 Uhr sitze ich am Rad. Die Straße ist zwar nass, doch glücklicherweise ist es noch völlig dunkel – und damit bleiben mir die aktuellen Wetterverhältnisse vorerst verborgen. Denn unter „normalen“ Umständen würde ich unter diesen Bedingungen nicht Rad fahren und schon gar nicht zu einer Tour mit über 4.000 Höhenmeter starten.

Um 6:47 Uhr erreiche ich das Kühtai. Eine digitale Temperaturanzeige meldet 5 °C; als positiven Aspekt rede ich mir die inzwischen trockene Straße ein – realistischerweise wäre sie ohne Wind wohl nass geblieben. Egal, ich ziehe mir Regenhose und -jacke an und starte in die Abfahrt.

Nach der Abfahrt ins Ötztal führt mich eine hügelige Nebenstraße über Sautens und Roppen nach Imst. Spätestens dort will ich frühstücken – so zumindest der Plan. Als ich jedoch kurz nach 8 Uhr durch das Zentrum von Imst rolle, brennt in keiner Bäckerei und in keinem Kaffeehaus ein Licht. Damit bleiben mir (wieder) nur zwei Riegel und ein Gel als Energielieferanten für den Anstieg auf das 1.894 Meter hohe Hahntennjoch.

Nass-kaltes Hahntennjoch

Die ersten Kilometer des Anstieges auf das Hahntennjoch sind ausgesprochen zäh, erst dann entfalten Riegel und Gel eine gewisse Wirkung und lassen mich wieder einigermaßen souverän vorankommen. Kurz vor der Passhöhe setzt schließlich der angekündigte Regen ein, mit dem ich ursprünglich deutlich früher gerechnet hatte.

Um 9:41 Uhr erreiche ich das Hahntennjoch bei 6 °C und zunehmend stärkerem Niederschlag. Einziger Vorteil dieser Situation: Für Nachdenken oder Selbstmitleid bleibt keine Zeit. Schnell alles Mögliche an Gewand anziehen und ab ins Tal – das ist die einzige Option. Die Abfahrt ist unter diesen Umständen naturgemäß eine eher heikle Angelegenheit.

Lechtal und Hochtannberg

Als ich nach der ungemütlichen Abfahrt vom Hahntennjoch das Lechtal erreiche, ist von Sonne zwar keine Spur, aber zumindest fällt vorerst kein Regen. In einem netten Kaffeehaus treffe ich zwei weitere RACA-Teilnehmer. Vor allem aber gibt es hier warme Getränke, Mehlspeisen und Müsli mit Joghurt, also alles, was die Lebensgeister zuverlässig wiederbelebt.

Nach dieser Stärkung und in dem Wissen, dass mit Hochtannberg und Faschinajoch nur mehr zwei vergleichsweise einfach zu fahrende Anstiege vor mir liegen, starte ich motiviert in den letzten Abschnitt. Die Regenpause hat in Warth am Arlberg ein Ende, den Hochtannberg erreiche ich um 13:05 Uhr bei Regen und die anschließende Abfahrt nach Schoppernau ist entsprechend ungemütlich.

Mit Sonne dem Ziel entgegen

Im Anstieg auf das 1.486 Meter hohe Faschinajoch hört der Regen schließlich endgültig auf und sogar die Wolkendecke beginnt sich zunehmend zu lichten. Um 14:43 Uhr erreiche ich den letzten „richtigen“ Pass, was ich mit folgendem Foto festhalte:

Ich bin zwar noch nicht im Ziel, doch als sich während der Abfahrt vom Faschinajoch endgültig die Sonne zeigt und die Temperaturen steigen, macht das Radfahren erstmals an diesem Tag wirklich Freude. Im Tal spazieren die Einheimischen „kurz-kurz“ durch die Dörfer – ein deutlicher Kontrast zu meinen bisherigen Stunden auf dem Rad.

Hochprozentiges „Gräble“

Die großen Berge sind also Geschichte und man könnte meinen, nun im Flachen über Nenzing und Frastanz entspannt nach Feldkirch zu rollen. Wäre naheliegend – beim Streckenstudium im Vorfeld ist mir auf den letzten Kilometern allerdings ein kleiner, aber extremer „Ausschlag“ im Höhenprofil aufgefallen.

So führt die RACA-Strecke im Dorf Beschling eben nicht im Tal weiter, sondern die Streckenplaner waren besonders kreativ und haben eine sehr steile und schmale Siedlungsstraße mit der interessanten Bezeichnung „Am Gräble“ gefunden. Als ich hier einbiege und eine „Wand“ jenseits der 20 Prozent vor mir erblicke, drehe ich im Glauben, hier falsch zu sein, kurzfristig um. Doch der GPS-Track auf meinem Display ist eindeutig; es folgt eine Extraschleife, um in den leichtesten Gang zu schalten und auch folgendes Foto aufzunehmen (im linken Bild beginnt zwischen den Häusern die erwähnte Straße):

Nach etwa 200 Metern hat das „Gräble“ ein Ende und ich biege auf die „normale“ Straße ein, die sich jedoch immer noch mit gefühlten 10 % bergauf zieht. Erst einige hundert Meter vor Latz verflacht die Straße spürbar und ich kann die nun folgende letzte Abfahrt nach Feldkirch endlich genießen.

Ziel erreicht!

Auf den letzten hundert Metern vor dem Ziel beim „Alten Hallenbad“ in Feldkirch höre ich bereits den Kommentator Pierre Bischoff, der meine Ankunft ankündigt. So darf ich durch ein freundliches Spalier aus applaudierenden Teilnehmern und Zuschauern rollen. Dem ehemaligen RAAM-Sieger Pierre Bischoff beantworte ich ein paar Fragen, erhalte meine Finisher-Geschenke und posiere schließlich für folgendes Foto:

Mein persönliches Finisher-Geschenk war unmittelbar nach der Zielankunft eine rund halbstündige Unterhaltung mit der Ultra-Cycling-Legende Robert Müller. Einer der Besten der Szene, der einen gewissen Christoph Strasser beim B-Hard in Bosnien 2023 auf Platz zwei verweisen konnte, und der stets kuriose Geschichten liefert, die er bei seinen weltweiten Radrennen und –reisen erlebt. Im folgenden Bild ist links der Sieger des RACA 2025 Nils Oyen und rechts Robert Müller zu sehen:

Fazit: Letztendlich habe ich für die 1.050 Kilometer lange Strecke 77 Stunden und 49 Minuten benötigt, was den 20. Rang in der Solo-1000-Kategorie ergibt. Die Zeitdifferenz zum Sieger Nils Oyen ist mit rund 30 Stunden zwar beträchtlich, aber der in Relation dazu gute Gesamtrang zeigt, dass alle Teilnehmer mit den herausfordernden Wetterbedingungen zu kämpfen hatten und eine Zielankunft keine Selbstverständlichkeit war.

Einen Sonderpreis gibt’s dann aber doch noch …

Neben den Preisen für die Sieger der jeweiligen Distanzen gibt es beim RACA mit dem „Glockner Man“ bzw. der „Glockner Woman“ zusätzliche Sonderwertungen für die schnellsten Zeiten des Abschnitts Heiligenblut – Hochtor – Edelweißspitze. Und ja, ich habe diesen Preis in der Herrenwertung gewonnen, was mich natürlich sehr freut.

Zwar war ich über den Glockner zügig unterwegs, bewusst (und damit noch etwas schneller) auf diese Sonderwertung zu fahren, erschien mir während eines Ultra-Radrennens jedoch zu riskant. Umso erfreulicher, dass es am Ende dennoch gereicht hat. Einzig ein Bild von der Siegerehrung gibt es leider nicht.


Großartiger Film

Die Veranstalter des Race across Austria veröffentlichten nachfolgenden sehenswerten Film. Neben großartigen Landschaftsaufnahmen ist das Besondere an diesem Film, dass hier nicht die Sieger bzw. Top-Fahrer vorkommen, sondern hauptsächlich Teilnehmer der „Adventure“-Kategorie“. Diese sind einen Tag früher gestartet, haben somit ein größeres Zeitlimit und für viele ging es primär darum, die Distanz zu meistern und eine Zielankunft zu erreichen. Die Bezeichnung der Kategorie ist sehr treffend gewählt – für viele war es ein Abenteuer mit vielen persönlichen Hochs und Tiefs sowie emotionalen Momenten. Extrem herausfordernd waren die Wetterbedingungen über die Großglockner-Hochalpenstraße und folglich sind fast „heroische“ Aufnahmen in diesem Film enthalten. Unbedingt ansehen …