Der folgende Beitrag hat zwar keinen direkten Bezug zu unserem Radclub, ist aber als historische Kuriosität einen Blick bzw. eine Erwähnung wert. Die St. Pöltner Zeitung, gegründet als „St. Pöltner Bote“, enthielt in ihrer Ausgabe vom 23. Juni 1892 einen Beitrag eines „Radfahrerverein St. Pölten“ (Gendern war offenbar noch kein Thema …), der sich mit der Frage beschäftigte, ob Radfahren tatsächlich gesund sei.
Neben den Auswirkungen des Radfahrens auf „Hämorrhoiden“ und sonstigen „nervösen Qualen“, wird „die Beobachtung, daß die Zahl der radfahrenden Aerzte jedes Jahr zunimmt“ als Beweis herangezogen, dass Radfahren als „durchaus nützlich erkannt wird“. Vielleicht gilt dies tatsächlich auch heute noch, denn in unserem Verein gibt es ja einige Ärzte – auch wenn sich unser Schriftführer-Stellvertreter als Veterinär verständlicherweise eher den tierischen Patienten widmet.
Der nachfolgende Originaltext des Beitrages beruht auf der Rechtschreibung, Grammatik und des Schreibstils der damaligen Zeit. Daher lesen auf eigene Gefahr – Spaß und Unterhaltung garantiert! (Ein Scan der St. Pöltner Zeitung vom 23. Juni 1892 ist unter dem Link in der Quellenangabe abrufbar.)
Der Artikel im Original: „Ist Radfahren gesund?“
(Radfahrerverein St. Pölten.) Ist das Radfahren gesund? Nachdem über diesen Sport in der Laienwelt ganz unrichtige Ansichten herrschen, fühlen wir uns veranlaßt, folgende vom Radfahrerverein St. Pölten uns zugehende Notiz zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Beim letzten Klubabend besprach der Schriftführer Hans Bichler die ausgezeichnete Betrachtung vom inzwischen verstorbenen berühmten Geheimrath Professor an der Universität München, Dr. v. Nußbaum, über obiges Thema, welche schließt: „Die Beobachtung, daß die Zahl der radfahrenden Aerzte jedes Jahr zunimmt, ist ein Beweis, daß das Radfahren als durchaus nützlich erkannt wird. Für Leute, welche an Hämorrhoiden und Verdauungsbeschwerden, an Kreuzschmerz und schlechtem Athem leiden, für Leute, welche eine schmale Brust und nur wenig verschiedene Ein- und Ausathmungsmaße haben, endlich für solche, die infolge von Fettbildung einen beengten Blutumlauf und eine beeinträchtigte Herzbewegung zeigen, welche blutarm und leistungsunfähig sind; für das große Heer der nervösen Qualen ist das Radfahren ein äußerst lobenswertes Heilmittel.“ Anknüpfend hieran führte der Redner eine von ihm kürzlich unternommene Tour an, welche rund 100 Kilometer betrug, die er, ohne trainiert zu sein, in der Zeit von 8 Stunden, inclusive der mehr als 3 Stunden in Anspruch genommenen Zeit für geschäftliche und magenstärkende Zwecke, zurücklegte. Die Tour führte über Sieghartskirchen, Purkersdorf und Neulengbach, welch‘ letztere 23 Kilometer betragende Strecke trotz der bereits bewältigten Tour, des heftigen Gegenwindes und der infolge des vorhergeganen Regens nicht guten Straße in 70 Minuten bewältigt wurde. Vom sportlichen Standpunkte ist es keine hervorragende Leistung; nachdem jedoch Herr Bichler an Herzhypertrophin (Vergrößerung) leidet, ihm jedoch von ärztlichen Capacitäten der mäßige Betrieb des Radfahrens gestattet ist, ließ er sich sofort nach Beendigung der Tour vom hiesigen bestbekannten und um den Verein verdienten praktischen Arzte Herrn Johann Feldmann, unter Assistenz dessen Herrn Sohnes Otto Feldmann, untersuchen, welche einen verhältnismäßigen, ganz normalen Herzschlag constatierten.
Quelle: St. Pöltner Zeitung, Ausgabe Nr. 50 vom 23. Juni 1892, Seite 4 (unten) und 5 (oben) – abrufbar unter ANNO/Österreichische Nationalbibliothek.
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