Race across Austria 2026 – Nord-Süd 1000

Als „Einstimmung“ auf den nachfolgenden Bericht unseres Obmannes Gerhard Trimmel über seine Erlebnisse beim Race across Austria empfehlen wir den folgenden Film. Großartige Landschaftsaufnahmen, beeindruckende Streckenabschnitte und interessante Einblicke in das Renngeschehen vermitteln einen Eindruck davon, was die Faszination und zugleich die Herausforderung des Race Across Austria ausmacht.


Das Race across Austria aus der Sicht unseres Obmannes Gerhard Trimmel.

Vor dem Start …

Nach meiner Teilnahme an der Ost-West-1000-Variante des Race across Austria (RACA) im Jahr 2025, stehe ich also am 16. Juni 2026 bei der Nord-Süd-Austragung des RACA wieder am Start. Auch diesmal soll es die lange Distanz mit über 1.000 Kilometern und 14.000 Höhenmetern sein. Start und Ziel befinden sich in Linz, konkret beim Stadion des FC Blau-Weiß Linz.

Vier Basecamps sind über die Strecke verteilt, was auf den ersten Blick dem ganzen Vorhaben ein wenig die Schärfe zu nehmen scheint und nach Wohlfühloasen klingen mag. Nachdem ich aber eher dazu tendiere, die Bezeichnung „Race“ durchaus wörtlich zu nehmen, sind diese Basecamps für mich vielmehr Bestandteil meiner „Rennstrategie“.

Genau das kann schon vor dem Start für einiges Kopfzerbrechen sorgen und fast in ein kleines Logistikprojekt ausarten. Zu welcher Tageszeit werde ich ungefähr in welchem Basecamp ankommen und welche Gegenstände werde ich dann brauchen? Oder wo werde ich eine Schlafpause einlegen und in welches Basecamp lasse ich mir deshalb den Schlafsack liefern? Viele Fragen, die unter Berücksichtigung der Wetterprognosen möglichst vernünftig zu klären sind und zusätzlich für eine gewisse Nervosität sorgen.

Mit Bio-Eis über die Berge

Renntag – endlich ist es soweit. Ob ich tatsächlich gut vorbereitet bin, weiß ich nicht. Startklar bin ich jedenfalls und spätestens mit dem Losfahren wird sich die Anspannung der vergangenen Tage ohnehin in Luft auflösen.

Kurz vor meinem Start, wird um 10:00 Uhr mit Günter Hansinger ein weiterer Kilber auf die Startrampe gebeten, der das RACA erstmals in Angriff nimmt. Günter ist merklich überrascht, als ihn Moderator und ehemaliger Race across America-Sieger Pierre Bischoff zu seiner Bio-Eis-Produktion interviewt. Ich habe ja damit fast gerechnet, denn bereits im Vorjahr hat mich Pierre mit einigem Wissen über unseren Radclub verblüfft.

Rund eine Stunde später bin dann ich an der Reihe. Pierre Bischof kündigt mich als „amtierenden Glockner Man des Vorjahres und einen Mann für die Berge“ an. Danke für die Blumen und Vorschusslorbeeren. Es folgt eine Frage zu meiner Strategie und indirekt merke ich, dass er mich sehr wohl relativ bald wieder als Finisher erwartet. Damit macht er mir fast ein wenig Druck – da waren mir die Fragen zum Radclub im Vorjahr doch angenehmer … Aber egal. Nach einem allgemeinen Gefasel im Sinne von „Mal schauen, wie’s läuft“ rolle ich um 11:02 Uhr von der Startrampe.

Ein mühsamer Start

Vom Start in Linz führt die Strecke des RACA zunächst zum nördlichsten Punkt Österreichs. Dieser liegt in der Nähe von Haugschlag und wird durch die Europaeiche markiert. Die rund 180 Kilometer dorthin sind allerdings alles andere als ein gemütliches Einrollen. Durch das hügelige Mühl- und Waldviertel geht es ständig auf und ab, dabei das „richtige“ Tempo zu finden, fällt mir zunächst etwas schwer. Folglich gestalten sich die ersten 80 Kilometer sehr zäh. Erst ab Langschlag und dem Frauenwieserteich stellt sich endlich jenes Fahrgefühl mit einem gewissen Druck am Pedal ein, das ich mir eigentlich schon vom Start weg erhofft hatte.

Die Landschaft ist zwar kein Highlight, aber wie immer macht für mich genau dieses Unspektakuläre den Reiz dieser Gegend aus.

Als ich um 16:30 Uhr das erste Basecamp in Litschau erreiche, setzt Regen ein. Zwei Teller Suppe und rund 20 Minuten später starte ich die Rückreise nach Linz, wo sich das Basecamp 2 befindet. Nun mit Regenüberschuhen, denn die Straßen sind zum Teil nehr nass.

Mit etwas Regen in die erste Nacht

Die Regenüberschuhe erfüllen sinngemäß ihren Zweck, auf die Regenjacke verzichte ich jedoch. Es ziehen zwar immer wieder einzelne Regenschauer übers Land, jedoch sieht es nach keinem flächendeckenden Regen aus. So wechselt der Straßenbelag ständig zwischen trocken, feucht und nass. In Zwettl, das ich um 20:00 Uhr erreiche, beruhigt sich das Wetter wieder– unruhig ist aber das Höhenprofil. War der Abschnitt von Litschau bis Zwettl noch vergleichsweise angenehm zu fahren, folgt nun ein ständiges Auf und Ab. Gefühlt gewinnt man 50 Höhenmeter, um anschließend wieder 20 davon zu verschenken. So schraubt sich die Strecke langsam, aber stetig auf knapp 1.000 Meter Seehöhe hinauf.

Inzwischen ist es dunkel geworden und ab St. Georgen am Walde beginnt endlich die lange Abfahrt nach Grein bzw. an die Donau. Kurz davor erblicke ich im Schein meines Lichtes eine „Dotwatcherin“, die ich mit ihrem Handylicht am Straßenrand stehend als solche „identifiziere“. Als ich näher komme, folgt die nächste Überraschung: Es ist Martina Jansch, die ich beim RACA im vergangenen Jahr kennengelernt habe. Während sie ein paar Meter neben mir herläuft, wechseln wir einige Worte. Danke Martina, das hat mich sehr gefreut.

Ab Grein ist der Weg nach Linz dennoch nicht ganz geschenkt. Einige Umwege samt kurzen Anstiegen – unter anderem über die Burg Clam – unterstreichen wieder einmal die Kreativität der Streckenplaner des RACA. Um 1:00 Uhr erreiche ich schließlich das Basecamp in Linz.

Im Basecamp in Linz spielt sich das Gleiche wie zuvor im Basecamp in Litschau ab. Ich esse unter anderem ein, zwei Teller Suppe und es beginnt abermals zu regnen. Glücklicherweise zieht auch dieser Regenschauer bald wieder vorüber und als ich um ca. 1:30 Uhr das Basecamp verlasse, regnet es zwar nicht mehr, aber klarerweise sind die Straßen nass.

Nächtliche Donauradweg-Romantik mit Blick auf das beleuchtete Betriebsgelände der VOESTalpine Linz:

Sonntagberg am Mittwoch. Schwierig.

Von Linz bis zum Kraftwerk Wallsee folgt die RACA-Strecke größtenteils dem Donauradweg. In der Morgendämmerung erreiche ich das Mostviertel und mit dem Anstieg nach Oed verabschiede ich mich vom Donautal.

Die folgenden Kilometer bis zum Fuß des Sonntagbergs entwickeln sich zu den schwierigsten des bisherigen Rennens. Der Grund ist ebenso simpel wie ärgerlich: In der Nacht – beziehungsweise seit Linz – habe ich schlicht aufs Essen vergessen. Die fehlende Energie und ein gewisser Zuckermangel setzen mir nicht nur körperlich, sondern vor allem mental zu. Dazu hängen tiefgraue, fast schwarze Wolken über der Landschaft und tragen im wahrsten Sinne des Wortes nicht gerade zur Aufhellung meiner Stimmung bei.

Es sind schwierige Kilometer an diesem Mittwoch Morgen. Die Sinnfrage – oder besser gesagt: „Warum mache ich das eigentlich?“ – drängt sich hartnäckiger auf als je zuvor. Zu allem Überdruss hadere ich damit, dass um 6:00 Uhr Österreichs erstes WM-Spiel gegen Jordanien angepfiffen wird. Unter normalen Umständen würde ich jetzt gespannt vor dem Fernseher sitzen. Stattdessen kurble ich irgendwo im Mostviertel herum und finde die Form meiner Freizeitgestaltung mehr als nur fragwürdig.

Ich verbiete mir stehen zu bleiben und endlich erreiche ich den steilen Anstieg auf den Sonntagberg. Zum Glück, denn der schwierige Anstieg lässt mich in den leichtesten Gang zurückschalten und ab jetzt heißt die Herausforderung Sonntagberg. All die negativen Gedanken der vergangenen zwei Stunden sind damit schlagartig vergessen. Auch wenn ich im leichtesten Gang unterwegs bin, muss ich mir bereits nach einigen hundert Metern eingestehen, dass ich offenbar doch nicht so schlecht beisammen bin, wie ich noch kurz zuvor geglaubt hatte. Natürlich haben die beiden Riegel und das Kohlenhydrat-Gel inzwischen eine gewisse Wirkung entfaltet. Trotzdem überrascht es mich, dass ich den Anstieg wieder einigermaßen souverän fahren kann. Ein zusätzlicher Motivationsschub: Der Fahrer hinter mir kommt keinen Meter näher. Ganz so schlecht kann es also tatsächlich nicht laufen. Trotzdem, so mühsam habe ich den Sonntagberg noch nie erlebt. Um 5.42 Uhr erreiche ich die Basilika und mache – aus Erleichterung? – zwei Bilder, als wäre ich noch nie hier gewesen.

Jubel aus der Backstube

Kurz nach 6:00 Uhr erreiche ich den Stadtplatz von Waidhofen/Ybbs und verpflege mich in einer Bäckerei. Den Kaffee und einen Kornspitz genieße ich vor dem Geschäft, während auf meinem Handy der Livestream des WM-Spiels Österreich gegen Jordanien läuft. Es dauert nicht lange, da ist ein „Tooor“ aus der Backstube zu hören. Romano Schmid erfreut das österreichische Fußballvolk – und hebt meine Motivation schlagartig.

Was ich in diesem Moment allerdings nicht bemerke: In der Zwischenzeit ist der erwähnte Fahrer vom Anstieg auf den Sonntagberg an mir vorbeigefahren. Tage später sollte ich von diesem zu dieser Situation noch zu hören bekommen: „Ich war perplex, da sitzt er völlig entspannt im Kaffeehaus und schaut sich das Fußballspiel an. Da hab ich mich gefragt, ob ich in den letzten 20 Stunden vielleicht irgendetwas falsch gemacht habe?“ Der Fahrer war übrigens Markus Meiringer aus dem Traisental. Wir sollten uns während des RACAs noch mehrmals begegnen und Tage später, bei der Siegerehrung, erfuhr ich eben von dieser Geschichte. Zu meiner Verteidigung möchte ich erwähnen, dass ich nach knapp zehn Minuten wieder am Rad gesessen bin – ohne Fußball-Livestream.

Jubeltag trotz Gegenwind und nasser Straßen

Der folgende Abschnitt über Weyer, den Buchauer Sattel, Admont und die Kaiserau nach Trieben gestaltet sich etwas herausfordernd. Die Straßen sind größtenteils nass, vor allem aber bläst mir der Wind entgegen, der meine Geschwindigkeit auf den flachen Passagen immer wieder auf unter 25 km/h drückt.

Andererseits haben Österreichs Fußballer inzwischen ihr erstes WM-Spiel mit 3:1 gewonnen. An so einem Jubeltag verbietet sich das Jammern ohnehin und mit dem Wissen, dass alle anderen auch gerade gegen den Wind ankämpfen müssen, spule ich Kilometer um Kilometer ab. Einzig ein WC-Stopp am Bahnhof von Gaflenz und eine kurze Einkehr in ein Lebensmittelgeschäft in St. Gallen unterbrechen meine Fahrt.

Erfreulicherweise hat sich das Wetter inzwischen merklich gebessert. Auf trockener Straße folgt mit dem Hochegger Sattel der nächste Anstieg. Den 1.318 Meter hohen Übergang erreiche ich um 13:23 Uhr – hier ein Bild vom Gellsee, der sich direkt am Hochegger Sattel befindet:

Wo kein Asphalt ist, muss Gravel sein

Eine „Besonderheit“ des RACA – und da gehen die Meinungen auseinander – sind mehrere Schotterabschnitte, die in Summe einige Kilometer ausmachen. „Gravel“ mag zwar heutzutage im Trend liegen, dennoch stellt sich für mich die Frage, warum man während der Abfahrt vom Hochegger Sattel die asphaltierte Straße verlassen muss, um wenig später rund 200 Höhenmeter auf losem Schotter bergab zu fahren. Für mich persönlich ist dies entbehrlich, erhöht aber das Risiko für Mensch und Material. Von einer Befahrung in der Nacht ganz zu schweigen. Ein Beweisfoto gibt es:

Nach dem Neumarkter Sattel folgt mit dem kleinen Furtnerteich ein idyllisches Kleinod. Die anschließenden Kilometer über Friesach, Althofen, Brückl bis nach Völkermarkt verlaufen dagegen eher unspektakulär und rufen nicht zwingend Begeisterungsstürme hervor.

Der Furtnerteich kurz vor Friesach.

Erst zwischen dem Völkermarkter Stausee und dem Klopeiner See wird die Strecke wieder abwechslungsreicher – allerdings nicht unbedingt so, wie ich es mir wünschen würde. Erneut führt das RACA für einige Kilometer über Schotter.

Zum südlichsten Punkt des RACA

Um 18:36 Uhr erreiche ich das Basecamp in Bad Eisenkappel, hole mir den Stempel im RACA-Stempelpass und fahre unverzüglich auf den Seebergsattel. Dieser 1.212 Meter hohe Pass ist der südlichste Punkt beim RACA, den ich um 19:17 Uhr erreiche. Hier treffe ich wieder mit Markus Meiringer zusammen und nachdem man beim RACA eher selten die Möglichkeit eines Fotoshootings hat, lichten wir uns am Grenzübergang gegenseitig ab.

Wellness, Schlafsack und Nussstollen

Nach der Abfahrt vom Seebergsattel kehre ich (wie auch nahezu alle anderen Fahrer) wieder ins Basecamp zurück. Die anschließende Dusche ist eine Wohltat, ebenso das frische Radgewand aus meinem Dropbag, den ich mir vom Veranstalter in dieses Basecamp liefern ließ.

Nach einigen Tellern Suppe begebe ich mich mit meinem Schlafsack (aus dem Dropbag) in die Tennishalle, um hier auf den vorhandenen Luftbetten drei Stunden zu ruhen. Der Plan klingt vernünftig, tatsächlich schlafe ich – wenn überhaupt – nur maximal zwei Stunden. Selbst nach einer davor durchgefahrenen Nacht finde ich in der darauffolgenden Nacht nicht die innerliche Ruhe, um zumindest zwei Stunden durchzuschlafen. Somit verlasse ich noch bevor der Wecker läutet um ca. 1:00 Uhr die Tennishalle und bereite mich – mit zwei Kaffee und einigen Nussstollen vom Basecamp – für die Weiterfahrt vor.

Das Basecamp in Bad Eisenkappel um 1:00 Uhr. Auch diverse elektronische Geräte brauchen neue Energie.

Nächtliche Hochform

Eigentlich müsste man annehmen, dass die Weiterfahrt nach einer Pause, noch dazu mitten in der Nacht, eine zähe Angelegenheit sein wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Müdigkeit ist überhaupt kein Thema und bereits mit Beginn des Anstieges auf den Schaidasattel kann ich ein sehr zügiges Tempo anschlagen. Ja, es macht sogar richtig Spaß, in der Dunkelheit auf den Pass hinaufzufahren. Die nächtlich Stille wird nur vom Rauschen eines Wildbaches unterbrochen, der irgendwo tief unterhalb der Straße zu Tal stürzt. Um 2:10 Uhr erreiche ich schließlich den Schaidasattel auf 1.069 Metern Seehöhe.

Keine Bäckerei, keine Kraft, aber Flattnitz

Über Ferlach führt mich die Strecke weiter nach Klagenfurt. In der Morgendämmerung fahre ich am Wörthersee entlang nach Pörtschach. Danach geht es auf Nebenstraßen über Moosburg und Rennweg in Richtung Flattnitz. Die abgelegenen Nebenstraßen haben allerdings einen kleinen Nachteil: Seit dem Wörthersee suche ich vergeblich nach einer Bäckerei. Als ich die Straße auf die Flattnitz bereits sehen kann, muss ich mich gedanklich von der ersehnten Bäckerei verabschieden und gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich – wie in der Nacht zuvor – seit dem Basecamp in Bad Eisenkappel viel zu wenig gegessen habe.

Somit werden die rund 650 Höhenmeter auf die Flattnitz extrem anstrengend. Nicht nur körperlich habe ich Schwierigkeiten, auch die Müdigkeit wird plötzlich ein großes Problem. Vermutlich sind es das Energiedefizit und der Zuckermangel, die mich in einen Zustand versetzen, den ich so bisher noch nie erlebt habe. Ich kämpfe mich von Kurve zu Kurve, blicke dabei immer wieder auf den Garmin, um die verbleibenden Kilometer und Höhenmeter herunterzuzählen.

Natürlich habe ich inzwischen Müsliriegel und ein Kohlehydrat-Gel zu mir genommen. Aber einen Fehler, den man über rund fünf Stunden gemacht hat, kann man nicht innerhalb weniger Minuten wieder kompensieren.

Irgendwie erreiche ich schließlich um 7:31 Uhr den CP Biermannstiegel auf der Flattnitz – und habe wegen der Müdigkeit riesen Respekt vor der Abfahrt. Ein weiteres Gel, ein paar Kniebeugen und schnelle Schritte vor der Abfahrt bringen überraschenderweise die Wende: Ich starte hochkonzentriert in die Abfahrt und bin schon nach wenigen hundert Metern überrascht, dass die Müdigkeit fast kein Thema mehr ist.

Auch die folgenden, fast flachen Kilometer im Tal nach Metnitz fühlen sich wieder gut an. Ebenso die anschließenden 340 Höhenmeter auf den Gattringer Sattel sind kein Problem. Schon während des Anstieges merke ich, dass es wieder „funktioniert“ und ich wieder sehr souverän unterwegs bin. Einzig eine ca. drei Kilometer lange Baustelle während der darauffolgenden Abfahrt mit teilweise groben Schotter drückt auf’s Gemüt.

In Murau finde ich endlich eine Bäckerei und in Schöder kehre ich in einem Lebensmittelgeschäft ein. Das muss für den nächsten Anstieg reichen. Hoffentlich.

Sölkpass – schön (und) steil

Der bevorstehende Sölkpass ist mit 1.790 Metern Höhe nicht nur der höchste Punkt des RACA Nord-Süd, sondern mit seinen 930 Höhenmetern auch eine durchaus ernstzunehmende Herausforderung. Vor allem die letzten drei Kilometer haben es in sich: Durchgehend zweistellige Steigungsprozente sorgen dafür, dass die Sache endgültig nichts mehr mit gemütlichem „Bergaufrollen“ zu tun hat. Zum Glück ist mein „Flattnitz-Trauma“ inzwischen Geschichte, denn in diesem Zustand hätte ich hier nur mehr schieben können. So erreiche ich den Pass um 11:00 Uhr in einer relativ vernünftigen Verfassung.

„Du schaust aber gut aus!“

Als ich um 12:24 Uhr das Basecamp am Fußballplatz von Irdning betrete, bekomme ich von der Dame, die meine Gate-Karte abstempelt, zunächst dieses etwas zweideutige Kompliment zu hören. Ich erwidere spontan: „Danke, das hätte ich mich umgekehrt nicht zu sagen getraut.“ Daraufhin rudert sie elegant zurück: „Na, körperlich schaust noch ziemlich fit aus, so hab ich das gemeint“. Jedenfalls: Danke – egal, wie’s gemeint war. Viel wichtiger ist mir allerdings ihre nächste Bemerkung, während sie meine Zeit protokolliert: „Du bist aber eh sehr gut dabei, denn recht viele waren hier noch nicht.“

Schon vor dem RACA hatte ich mich auf die letzten 185 Kilometer vom vierten Basecamp ins Ziel gefreut. Nicht nur, weil damit eine Zielankunft langsam realistisch wird, sondern auch, weil ich die Strecke von Irdning bis Gmunden schon mehrmals gefahren bin und etwa den Radweg rund um Bad Mitterndorf sehr gut kenne. Die Motivation für diesen Abschnitt ist also ohnehin vorhanden – nach dieser Aussage erst recht. Natürlich ist mir bewusst ist, dass mich Fahrer aus der nach mir gestarteten Race-Kategorie noch überholen werden. Aber egal.

Auf die obligatorische Suppe im Basecamp verzichte ich aus Zeitgründen. Ich nehme lediglich noch die Verpflegung aus meinem Dropbag, fülle die Trinkflaschen auf und sitze keine fünf Minuten später wieder auf dem Rad. Jetzt gibt es keine Zeit mehr zu verlieren …

Im Race-Modus nach Linz

Im normalen Leben fahre ich eine Distanz von 185 Kilometern vielleicht ein- oder zweimal im Jahr. Selbst bei einer solchen Tagestour müsste ich „taktisch“ vorgehen, um mich nicht „leer“ zu fahren. Hier aber bin ich überzeugt, dass mir diese restlichen Kilometer keine Probleme mehr bereiten werden. Und ich habe auch nicht vor, mit mehr als einem Zwischenstopp unnötige Zeit zu verlieren. Mit dieser Einstellung verlasse ich das Bascamp.

Von Anfang an fahre ich ein sehr zügiges Tempo und es ist eine wahre Freude mit einem solchen „Zug auf der Kette“ fahren können. Nicht nur einmal zeigt der Garmin 350 Watt an. Am Ende eines kurzen Anstieges zwischen der Kulmschanze und Bad Mitterndorf entdecke ich einen Fotografen, der offenbar auch mich gewartet hat. Wieder nehme ich die rund 15 Höhenmeter, ohne groß Tempo herauszunehmen. Als der „Fotograf“ sein Handy vom Gesicht nimmt und sich wenige Meter vor mir aufrichtet, erkenne ich ihn. Nein, das ist kein offizieller RACA-Fotograf, wie ich zunächst vermutet hatte, sondern Fred Brack aus Kilb. „Super, druck gscheid drauf, Gerhard, alles Gute!“, ruft er mir sinngemäß entgegen. Danke Fred, die kurze Begegnung hat mich sehr gefreut, auch wenn ich keine Zeit zum Stehenbleiben hatte.

Danke Fred Brack für das Foto. Und natürlich für’s Anfeuern.

Rushhour im Weltkulturerbe

Um 14:53 Uhr erreiche ich Hallstatt. Nachdem der Tunnel für Radfahrer gesperrt ist, führt die Strecke des RACA durch das UNESCO-Weltkulturerbe. Jedenfalls treffen hier zwei völlig verschiedene Welten aufeinander. In Hallstatt herrscht gerade Rushhour und Unmengen an Touristen schieben sich durch die engen Gassen, manche mit Regenschirmen – obwohl es gar nicht regnet, aber gut –, andere mit Gesichtsmasken. Und mittendrin meine Wenigkeit: ein Rennradfahrer, der seit Irdning im Race-Modus unterwegs ist und nun irgendwie so gar nicht ins touristische Gesamtbild passen will.

Nachdem ich eindeutig in der Minderheit bin, muss ich mich dem Treiben wohl oder übel fügen. Vom Rad steige ich zwar nicht ab, aber dass ich mich auf dem Rad sitzend langsam durch die Menschenmenge schiebe, sorgt bei dem einen oder anderen asiatischen Touristen doch für leichte Irritation. Manche flüchten regelrecht zur Seite, sobald sie mich kommen sehen. Das mag aus deren Sicht vielleicht nicht besonders höflich gewirkt haben. Ich hatte allerdings zu keiner Zeit das Gefühl, jemanden zu gefährden – zumindest aus meiner Wahrnehmung.

In Bad Goisern und Bad Ischl muss ich wieder keinen Fuß vom Pedal nehmen. Auch der ansonsten langweilige Radweg von Bad Ischl nach Ebensee bzw. zum Traunsee ist dieses Mal eine Freude, denn ich bin nach wie vor zügig unterwegs und die Restkilometer sind inzwischen auch nur mehr zweistellig.

Kurz vor Gmunden muss ich nach dem Basecamp in Irdning erstmals anhalten, um an einer Tankstelle meine Trinkflaschen aufzufüllen. Mit der Überzeugung, dass dies für die verbleibenden, rund 75 Kilometer der letzte Verpflegungsstopp gewesen sei, passiere ich Gmunden.

„We are dotwatching you“

Ab Gmunden folgen zum Teil wellige 75 Kilometer nach Linz. Gedanklich bin ich bereits kurz vor Linz – tatsächlich befinde ich mich auf vielen einspurigen Nebenstraßen, die immer wieder in einem links-rechts durch die Landschaft führen. Was hier zunehmend zur Herausforderung wird, ist die Hitze. Während es im Salzkammergut temperaturmäßig sehr angenehm war, hat es hier gefühlt um zehn Grad mehr. Dies hat zur Folge, dass ich doch nicht bis Linz durchfahren kann, sondern in Kremsmünster (und später sogar noch einmal) in einem Lebensmittelgeschäft einkehren muss, um meine Trinkflaschen aufzufüllen.

Als ich unterhalb des Stiftes Kremsmünster im Augenwinkel ein „nicht alltägliches“ Schild am Straßenrand noch kurz wahrnehme, frage ich mich, ob ich richtig gelesen habe. Also kehre ich um, mache nachfolgendes Foto und schon läuft eine Frau zur Straße und wünscht mir für die verbleibenden Kilometer alles Gute. Dankeschön!

Kurzfristig muss ich noch ein drittes Mal zum Auffüllen meiner Flaschen stehen bleiben, weil ich auf Grund des warmen Windes alle paar Minuten zur Trinkflasche greifen muss. Trotzdem fahre ich nach wie vor ein zügiges Tempo und erreiche um 20:09 Uhr mit dem Kraftwerk Abwinden Asten endlich die Donau.

Zeitfahren ins Ziel

Wirklich nachvollziehbar ist es nicht. Mittlerweile bin ich über 1.000 Kilometer unterwegs und speziell seit dem letzten Basecamp in Irdnung fahre ich quasi im „Racemodus“. Das Ganze artet in einem finalen Zeitfahren auf den letzten 17 Kilometern am Donauradweg aus. Ja, es ist schon anstrengend, aber es ist eine Freude mit 38 bis 42 Km/h dem Ziel in Linz entgegen fahren zu können.

Es ist 20:31 Uhr als fünf Kilometer vor dem Ziel meine Endzeit genommen genommen wird. Damit will der Veranstalter vermeiden, dass ein paar „Verrückte“ (wie eben auch ich) im städtischen Gebiet bis zur Zielline durchrasen. Als am Garmin jedenfalls die erwähnte Restdistanz von fünf Kilometern aufscheint, lass ich es trotzdem nicht ausrollen, sondern behalte meine 40 Km/h bis 4,5 Kilometer vor dem Ziel bei. Sicher ist sicher. Sicher ist auch, dass das schon etwas verrückt ist.

Die verbleibenden 4,5 Kilometer rolle ich dann tatsächlich in gemütlichem Tempo in Richtung Ziel. Ich überquere die Donaubrücke und beim Stadion des FC Blau-Weiß Linz empfängt mich Moderator Pierre Bischoff. Ich beantworte noch ein paar Fragen und anschließend folgt noch „Finisher-Bild“ mit Pierre.

Danach geht’s für mich unter die Dusche und rund eineinhalb Stunden später sitze ich im Zug heimwärts. Nach einer (Brutto-)Zeit von 57 Stunden und 29 Minuten bevorzuge ich dann doch die gewohnte Schlafstätte in den eigenen vier Wänden, anstatt im Basecamp zu nächtigen und am frühen Morgen heimzufahren. Außerdem findet die Siegerehrung – und auch die Ausgabe der Dropbags von den jeweiligen Basecamps – erst am Abend des folgenden Tages statt.

„Luft nach oben“ am Frühstückstisch

Am nächsten Vormittag genieße ich, nun also zu Hause, ein ausgiebiges Frühstück und werfe dabei einen Blick auf die Ergebnisliste. Zufrieden registriere ich, dass am Ende ein 9. Rang in der Solo-1000-Herren-Kategorie herausgekommen ist. Damit habe ich erstmals (bei insgesamt 51 Finishern) eine Top-Ten-Platzierung erreicht.

Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass der zweimalige Einbruch am Morgen auf Grund der zu geringen Verpflegung während der Nacht vermeidbar gewesen wäre. Auch sonst gibt es noch einiges an „Optimierungspotential“. Vor allem die Standzeit von rund elf Stunden (laut Strava-Daten) ist wieder zu umfangreich ausgefallen. „Luft nach oben“ gibt es also nach wie vor. Ende August beim RACA Ost-West 500 gibt’s die Chance zur Verbesserung …