Vor dem Schloss Schönbrunn.

Three Peaks Bike Race 2022

Inhalt:

› Vorbereitung & Aufwärmphase
› Tag 1: Über den Semmering ins Murtal
› Tag 2: In die Dolomiten
› Tag 3 : Mit Knieschmerzen nach Vorarlberg
› Tag 4: Schweizer Bilderbuchlandschaft
› Tag 5: Schweizer Bergidylle und monotone Po-Ebene
› Tag 6: Starker Beginn und eher schwaches Ende
› Tag 7: Mont Ventoux und Finisher Parcours
› Tag 8: Durch die Verdonschlucht nach Nizza
› Mit einigen Wochen Abstand

Vorbereitung & Aufwärmphase

Der Versuch einer Annäherung …

Das „Three Peaks Bike Race is an unsupported bike packing race …“ – so heißt es auf der Website des Veranstalters. Falls jetzt jemand ausgestiegen ist und sich wie Herr VdB denkt „das darf doch alles nicht wahr sein“, bitte trotzdem weiterlesen, denn das Ganze ist ziemlich einfach und unkompliziert. Während die ersten vier Wörter nur die Bezeichnung der Veranstaltung sind, also ein Radrennen über irgendwelche drei Schupfer, wird’s bei den letzten vier Wörtern schon konkreter.

„Unsupported“ heißt ohne Unterstützung, sagt aber im Deutschen keiner, weil das eher uncool (also fad) ist. „Bike packing“ ist seit ein paar Jahren ganz modern, gab’s aber auch schon immer – heißt ganz einfach, dass man sein ganzes Klimbim dank Packtaschen am Rad montiert. Dem Grunde nach ist also auch jede Einkaufsfahrt mit dem Rad ins nächste Lebensmittelgeschäft eine Art „bikepacking tour“. Das letzte Wort „race“ verursacht aber doch etwas Freizeitstress, denn das bedeutet Rennen und ergo Zeitnehmung.

Zusammengefasst handelt es sich beim Three Peaks Bike Race um eine etwas gröbere Radreise mit Gepäck und im Ziel gibt’s eine Ergebnisliste. Also fast wie Urlaub, aber doch ein bisserl anders.

Jetzt aber (doch) zu den Fakten

Three peaks, also drei Berge bzw. Passstraßen sind als Kontrollpunkte (sogenannte Checkpoints) anzufahren, zusätzlich gibt es einige verpflichtend zu fahrende Streckenabschnitte (sogenannte Parcours). Dazwischen ist die Strecke frei zu wählen. Zudem gibt es keine „Etappen“ im herkömmlichen Sinn, sondern man kann fahren wann und vor allem so lange man will bzw. kann. Im Jahr 2022 war der Start in Wien vor dem Schloss Schönbrunn und das Ziel in Nizza. Die Radlerinnen und Radler werden per GPS-Tracker überwacht und die jeweilige Position ist in Echtzeit über Tracking-Anbieter wie dotwatcher.cc nachzuverfolgen. Gepäck ist selbst zu transportieren und externe Hilfe (etwa öffentliche Verkehrsmittel oder motorisierte Begleitung etc.) darf nicht in Anspruch genommen werden.

Die Checkpoints (CP) und Parcours des Jahres 2022:

  • Start-Parcour: Schloss Schönbrunn bis Klausen-Leopoldsdorf.
  • CP 1: Auronzohütte/Drei Zinnen (2.320 m) in Südtirol. Danach folgt der Parcour Auronzohütte, Cortina d‘Ampezzo bis Passo Giau.
  • CP 2: Melchsee-Frutt (1.902 m) südlich von Luzern in der Schweiz.
  • CP 3: Colle del Nivolet (2.612 m) nordwestlich von Turin in Italien.
  • Finisher-Parcour mit 452 Kilometern und 8.270 Höhenmetern vom Gipfel des Mont Ventoux (also ohne Auffahrt) nach Nizza.

Diese Kontrollpunkte und vor allem das Ziel in Nizza sollten innerhalb des Zeitlimits von zehn Tagen passiert werden. Dafür gibt’s im Ziel einen persönlichen Empfang inklusive Finisher-Bier. Wer das nicht schafft, muss sich das Bier selbst kaufen; einen Eintrag in der Ergebnisliste gibt’s aber trotzdem.

Unser RCP-Starter

Der Herausforderung Three Peaks Bike Race stellte sich unser Obmann Gerhard Trimmel. Es war seine Premiere bei einem derartigen Event und – man darf es vorwegnehmen – er erreichte das Ziel in Nizza. Noch dazu sehr souverän und in einer ansehnlichen Zeit: Er startete am Samstag, den 9. Juli 2022 um 11:15 Uhr vor dem Schloss Schönbrunn und erreichte das Ziel am Samstag, den 16. Juli 2022 um 23:30 Uhr auf der Promenade des Anglais in Nizza. Dazwischen lagen über 2.300 Kilometer und rund 31.000 Höhenmeter! In der Ergebnisliste schlug sich das mit dem 29. Gesamtrang von 91 Platzierten nieder. Oder wie der Schatzmeister unseres Vereines euphorisch meinte: „Moment, er wurde viertbester Österreicher!“.

Im Folgenden ein ausführlicher Bericht von unserem Obmann …


Tag 1: Über den Semmering ins Murtal

Anreise zum Start ohne Linie …

Angespannt? Nervös? Eigentlich nicht, ich sitze im Zug von Loosdorf nach Hütteldorf und döse vor mich hin. Nach den vorangegangenen Tagen der etwas hektischen Vorbereitung was Rad und Gepäck anbelangt, ist es jetzt ohnehin zu spät. Was ich dabei habe, habe ich, was ich vergessen habe … naja, das werde ich dann merken. Oder im besten Fall auch nicht.

In Hütteldorf angekommen, radle ich am Donaukanal zum Schloss Schönbrunn. Noch ein Startfoto mit dem Schloss im Hintergrund und dann geselle ich mich zu dem bunten Haufen an Radlerinnen und Radlern. Ich bin ja schon mehr als 20 Jahre bei keinem Radmarathon mehr mitgefahren, trotzdem kann ich mich an das übliche Gedränge und an die allgemeine Nervosität in derartigen Startbereichen noch allzu gut erinnern. Hier, beim Three Peaks, schaut die Sache etwas anders aus. Eher unorganisiert, stehen Radfahrerinnen und Radfahrer mit Gepäck herum, einen abgesperrten Startbereich gibt es gar nicht, lediglich ein (offenbar) Offizieller mit Kamera ruft die nächsten 50 Starter zur Startlinie, die es – wo ist die überhaupt? – aber auch nicht wirklich gibt. „50“ deshalb, da in Blöcken zu 50 Personen ab 11 Uhr gestartet wird.

Nicht bereit, aber startklar

Meine „Hausaufgaben“ habe ich im Wesentlichen gemacht. Einzig das Nachtfahren habe ich in der Vorbereitung etwas vernachlässigt und in der freien Wildbahn im Schlafsack habe ich zuletzt vor über 20 Jahren genächtigt. Für alles denkbar Mögliche und teilweise Unmögliche habe ich mir (Überlebens-)Pläne überlegt. Der „Rest“ wird sich im Rennverlauf ergeben und muss dann bestens gelöst werden, das ist in „unsupported“ einfach inkludiert. Somit fühle ich mich startklar und um 11:15 Uhr geht es auch für mich los.

Klarerweise gewinnt man das Three Peaks nicht auf den ersten Kilometern. Daher geht es sehr entspannt am Radweg bzw. am Donaukanal stadtauswärts. Zu Beginn ist nämlich ein sogenannter Start-Parcours zu absolvieren, der die Strecke durch den Wienerwald vorgibt. In Klausen-Leopoldsdorf endet dieser und ab hier gibt es freie Routenwahl bis zum Checkpoint 1.

Ein Spaßvogel im Wienerwald

Kurz nach dem Wienerwaldsee folgt der erste Anstieg. Die Ketten wandern nach links und plötzlich schießt so ein Spaßvogel vom RC Unrad – ein bekannt schräger Radverein – bergab und ruft in breitem Wiener Dialekt: „Gemma Burschen, is eh nimma weit!“. Von ca. 15 Radlern um mich herum lachen etwa fünf, der Rest hat es in Folge von offenbar mangelnder Deutschkenntnisse, erschwert durch die hiesige Umgangssprache, nicht verstanden.

„Servus“ in Klausen-Leopoldsdorf

Eine kleine Überraschung erwartet mich in Klausen-Leopoldsdorf: Mit einem lauten „Servus“ begrüßt mich nämlich unser Radclub-Mitglied Herbert Bauer. Wir wechseln noch ein paar Wörter, dann geht es für mich durch’s Helenental nach Baden. Danke nochmals für’s Anfeuern, das hat mich sehr gefreut.

Fachgespräch an der Tankstelle

Mein erster Verpflegungsstopp ist kurz vor Neunkirchen an einer (gelben) Tankstelle, die einen kleinen Shop einer (ebenfalls gelben) Lebensmittel-Kette beherbergt. Beim Abstellen des Rades beobachtet mich bereits ein, sagen wir es höflich, nicht zwingend radsportaffiner Mitte-60er, der eher dem Getränkeangebot des Shops zugeneigt ist. Ich erledige rasch meinen Einkauf, komme raus und der Herr beginnt folgendes Gespräch, während er ganz interessiert meine Carbon-Laufräder begutachtet:

„Na aus wos is des?“ – Ich, kurz angebunden: „Plastik“ – Er: „A Waunsinn …“ – Da ich kein Unmensch bin, sag ich Na, ist natürlich Carbon“. Er: „Na oarg. Na wos kost sowos? Jo sicher an Tausender!“ Da er nach wie vor meine Laufräder fixiert, antworte ich korrekterweise: „Geht sich nicht ganz aus, kostet schon 2.000 Euro.“ Der Interessierte: „Na bist du waunsinnig, i hob’s ma glei docht. 2.000 Euro, a so a Radl.“ Mit einem „Ja, is schon a Haufen Geld. Pfiat‘ Ihnen, einen schönen Tag noch.“ steige ich auf mein 2.000 Euro-Plus-a-bisserl-wos-Rad, während der Herr einen kräftigen Schluck Gerstensaft nimmt und ich meine Fahrt fortsetze. „Na echt a Waunsinn.“ – Das kam dann von mir. Habe ich mir aber nur gedacht.

Semmering und Murtal

Über die alte Semmeringstraße geht’s dann auf den ersten, etwas längeren Berg und danach bergab ins Murtal. Für mich die eigentliche Herausforderung der Startetappe, denn ab Mürzzuschlag bis zur Abzweigung auf den Schönfeldsattel sind es ziemlich genau 200 Kilometer. 200 Kilometer, bei denen man sich so richtig Leerfahren kann, wenn man immer etwas zu schnell fährt und/oder zu wenig isst. Von Gegenwind keine Rede.

Der befürchtete Gegenwind weht zwar bis Bruck/Mur merklich, lässt dann glücklicherweise nach. Aber ich komme relativ gut vorwärts. Immer wieder treffe ich Teilnehmerinnen und Teilnehmer, mit manchen unterhalte ich mich kurz, dann teilen sich die Strecken und man fährt alleine weiter.

Ab Judenburg beginnt es zu dämmern und es wird erstmals „Nacht“. Grundsätzlich war mein Plan, dass ich bei Dunkelheit am Murtalradweg fahre, was ich (und viele andere) auch mache.

Ich befinde mich bereits etliche Kilometer nach Murau, als es um 23:10 Uhr zu regnen beginnt. Ich habe exakt 300 Kilometer am Tacho, halte kurz an und will mir bei einer überdachten Stockbahn die Regenjacke anziehen. Nach einer kurzen Überlegung beende ich hier die erste Etappe und rolle unter dem komfortablen Unterstand meinen Schlafsack aus. Mein persönliches Tagesziel Ramingstein geht sich zwar nicht ganz aus, aber in Anbetracht des einsetzenden Regens ist das ein akzeptabler Kompromiss.

Tag 1 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 2: In die Dolomiten

Die Nacht im Schlafsack verlief nicht optimal, vom Gefühl her bin auch andauernd wach und um 4:30 Uhr beginne ich zusammenzupacken. Wegen des Regens und der eher kühlen Temperaturen starte ich um 5:00 Uhr im kompletten Regen-Outfit, also Überschuhe und -hose sowie Regenjacke.

Mühsamer Schönfeldsattel

Der Regen begleitet mich über Ramingstein ins Thomatal und zum Anstieg des Schönfeldsattels. Und der verläuft zäh – ich fühle mich ziemlich „leer“, die ersten 300 Höhenmeter sollten die schwierigsten der gesamten Tour nach Nizza werden. Erst ein Kohlehydrat-Gel bringt mich einigermaßen in Schwung und so fahre ich dann doch noch irgendwie „souverän“ auf den Schönfeldsattel. Am höchsten Punkt auf 1.775 Metern fängt es stark zu regnen an und ich beginne die Abfahrt über Innerkrems nach Möllbrücke.

Etwas unterkühlt und mit kalten Fingern komme ich in Möllbrücke an und erblicke einen Tankstellen-Shop mit angeschlossenem Kaffeehaus-Betrieb. Frühstück, vor allem aber ein warmer Kaffee ist sogleich bestellt und nur wenige Minuten später sind „wir“ zu Fünft. So wie mir ist es auch vier weiteren ThreePeaks-Fahrern ergangen, auch wenn manche über den Katschberg gekommen sind. Einen zweiten Kaffee bestelle ich mir auch noch, der ist aber eher für die noch immer etwas kalten Finger.

Im Regen geht’s dann weiter in Richtung Spittal/Drau und im Drautal begrüßt mich sodann endlich die Sonne. Regengewand noch etwas „trocken fahren“ und dann weg damit. Ich kann es vorwegnehmen: Bis Nizza sollte ich es auch nicht mehr brauchen.

Die Schwächephase am Schönfeldsattel ist längst Vergangenheit und mit einigermaßen Druck am Pedal absolviere ich das Drautal, denn vom Gefühl her war ich die ersten 24 Stunden etwas zu defensiv bzw. zu vorsichtig unterwegs. In Lienz feuern mich noch ein paar Steirer an, die offensichtlich wissen, was ich vorhabe.

Zum Checkpoint Drei Zinnen

Der Anstieg zum ersten Checkpoint, der Auronzohütte bei den Drei Zinnen, beginnt eigentlich schon in Lienz. Der Radweg steigt nämlich ab Lienz kontinuierlich mit einigen Prozenten an, Gegenwind drückt zusätzlich die Geschwindigkeit auf rund 20 Km/h. Also eine zähe G’schicht.

Vorbei am Dürrensee mit dem berühmten Drei-Zinnen-Blick erreiche ich am Misurinasee die Abzweigung zu den Drei Zinnen. Mein Gepäck verstecke ich im Gebüsch, was regeltechnisch auch OK ist und starte die durchgängig sehr steile Auffahrt. Landschaftlich natürlich top. Gegenüber stets die beeindruckende Cadini-Gruppe im Blick, erreiche ich nach harten 630 Höhenmetern die Auronzohütte. Checkpoint 1 abgehakt!

Passo Giau und Falzarego

Am Checkpoint 1 bei der Aurzonzhütte beginnt zudem eine verpflichtend zu fahrende Strecke. Somit geht’s für mich nach dem Passo Tre Croci hinunter nach Cortina d’Ampezzo und hinauf zum Passo Giau. Ab hier ist wieder freie Streckenwahl bis Checkpoint 2. Nachdem sich die Sonne bald verabschiedet, starte ich nach dem Erreichen der Passhöhe am Giau unverzüglich die Abfahrt retour zum Ausgangspunkt bei Pocol. Es folgt der Anstieg auf den Passo Falzarego, denn hier habe ich mir während des Anstieges auf den Giau im Rifugio Col Gallina ein Zimmer reserviert.

Ungefähr um 21:45 Uhr erreiche ich das Rifugio, das knapp unterhalb der Passhöhe des Falzarego liegt. Die Halbpensionsgäste sind schon längst abgefertigt (was mir in Anbetracht meines nicht mehr ganz geruchsneutralen Outfits eh ganz willkommen ist) und schon sitze auch ich beim Abendessen. Das alkoholfreie Weißbier schmeckt wie selten zuvor und die Suppe, Haupt- und Nachspeise sowieso. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte mir eh alles geschmeckt. Danach duschen, G’wand waschen und gute Nacht!

Tag 2 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 3 : Mit Knieschmerzen nach Vorarlberg

Die Übernachtung in einem Rifugio hat den angenehmen Nebeneffekt, dass es wegen der Wanderer Frühstück schon früher als in gewöhnlichen Beherbergungsbetrieben gibt – nämlich um 6:30 Uhr. Deshalb nehme ich das Frühstück gerne in Anspruch und sitze um 7:30 Uhr am Rad.

Es zwickt …

Die paar Höhenmeter zur Passhöhe des Falzarego und zum naheliegenden Valparola sind relativ rasch abgespult und dann geht’s in die Abfahrt nach St. Kassian und Stern bzw. ins Gadertal. Schon in der Abfahrt merke ich: Es zwickt etwas im linken Knie, die 5.300 Höhenmeter des Vortages machen sich nun bemerkbar. Beim Bergabfahren nicht allzu tragisch, aber die kurze Gegensteigung von ca. 20 Höhenmeter in Stern zwingt mich wegen schlimmer Knieschmerzen fast zum Absteigen. Kurzfristig macht sich etwas Verzweiflung breit und ich sehe mich heute eher am Bahnhof in Innsbruck und die Heimreise antretend, als am Rad in Richtung Westen nach Vorarlberg.

In der langen, nicht allzu steilen Abfahrt Richtung Bruneck trete ich bewusst locker mit und zum Glück nehmen die Schmerzen im Knie etwas ab. Aber an Fahren im Wiegetritt ist nicht zu denken und das sollte den ganzen Tag so bleiben.

Es gibt Schöneres

Der nun folgende Abschnitt von Franzensfeste über Sterzing und auf den Brenner ist alles andere als ein Highlight. Bevorzugt habe ich schon während der Tourenplanung die landschaftlich schönere Strecke durch den Vinschgau in die Schweiz, jedoch ist diese Variante auch mit mehr Höhenmeter verbunden. Nicht zuletzt wegen der Knieschmerzen ist dies kein Thema mehr und so nehme ich die Vernunftstrecke Brenner – Inntal – Arlberg.

Der Gegenwind von Franzensfeste nach Sterzing (Bild oberhalb) und auf den Brenner ist etwas lästig und erfordert noch dazu etwas mehr Kraftaufwand, was auch nicht gerade zur Schmerzlinderung beiträgt.

Endlich Rückenwind im Inntal

Ab Innsbruck kehrt aber die Freude am Radfahren wieder zurück: Endlich gibt es Rückenwind und ich fliege mit 35 bis 40 Km/h nach Landeck. Herrlich!

Den Arlberg „erledige“ ich dann am frühen Abend und in der Abenddämmerung fahre ich bis Bludenz. Ein Quartier ist gegenüber einem bekannten Vorarlberger Brauereibetrieb schnell gefunden. Sehr zufrieden über den letztendlich doch noch guten Verlauf dieses zu Beginn schwierigen Tages, suche ich eine Pizzeria auf, wo ein Teller Nudeln und eine Pizza Calzone Kraft für nächsten Tag bringen sollen.

Tag 3 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 4: Schweizer Bilderbuchlandschaft

Um 5:00 Uhr starte ich in Richtung Feldkirch, wo ich rund eine Stunde später in einer Bäckerei vorzüglich frühstücke. Liechtenstein erlebe ich fast ausschließlich vom Radweg aus, der kilometerlang am Rheindamm entlang führt. Die Sonne strahlt mittlerweile vom erneut blauen Himmel, am Auflieger fliege ich mit rund 35 Km/h der Schweiz entgegen. Es läuft perfekt.

„Ja das gibt’s ja nicht!“ – Mit schneller ärztlicher Begleitung an den Walensee

Kurz nach Sargans wechsle ich für die folgenden ca. 15 Kilometer erneut auf einen Radweg, der ohne große Umwege an den Walensee führt. Kaum am Radweg, erblicke ich ca. 100 Meter vor mir ein Zweirad, Motorengeräusch ist keines zu hören. Trotz meiner ungefähr 33 Km/h muss ich feststellen, dass der Abstand immer größer wird. Ich werde neugierig, erhöhe mein Tempo und muss erneut erkennen, dass ich den Abstand gerade einmal halten kann. Ich beschleunige weiter – dank aerodynamischer Haltung am Auflieger – auf über 40 Km/h. Nachdem ich mich heute sehr gut fühle, kann ich das Tempo über einige Minuten halten (vernünftig ist so eine Aktion natürlich nicht) und diese Person auch einholen.

Die Person ist eine Dame Mitte Dreißig, fährt ein e-Bike mit gelbem Nummerntafel sowie Seitenspiegel. Kaum habe ich sie eingeholt, wird das Tempo langsamer, denn der Radweg wird kurzfristig von einer Landesstraße unterbrochen. Beim Ausrollen zu dieser Kreuzung beginne ich – nun neben ihr fahrend – folgendes, sinngemäß wiedergegebenes Gespräch:

„Guten Morgen, du bist aber sehr flott unterwegs“. Sie unterbricht mich gleich und sagt in einem herrlichen Schweizer Dialekt, der überraschenderweise relativ leicht zu verstehen ist: „Guten Morgen, ja aber du auch, ich hab dich im Spiegel eh näher kommen gesehen. Wo fährst du denn hin?“

„Zum Melchsee.“ – „Melchsee? Ja, aber der ist ja am Berg südlich von Luzern …“

„Ja, ich weiß. Wenn möglich, möchte ich heute auch noch den Grimselpass fahren.“ – „Waaas? Ja das gibt’s aber nicht, weiß du wie weit das noch ist?“

„Ja, ja. Ich bin ja heute auch schon in Bludenz gestartet.“ – „Naa, in Bludenz? Das pack ich jetzt nicht. Es ist ja erst kurz nach sieben Uhr?!“

Es entwickelte sich ein nettes Gespräch, natürlich nebeneinander fahrend bei nunmehr schon wieder 36, 37 Km/h. Ich erwähne weiters, dass ich beim Three Peaks Bike Race mitfahre und bei „Start war am Samstag in Wien“ werde ich unterbrochen – „Ja unglaublich! Heute ist ja erst Montag und die bist schon hier?!“

Ich erkläre kurz, dass man dabei drei Kontrollpunkte passieren muss und „der erste war bei den Drei Zinnen“ – komme aber nicht mehr zum weiterreden. Sie schaut mich ganz entsetzt an: „Ja das gibt’s ja alles nicht! In den Dolomiten bist du auch schon gewesen? Ich werd verrückt … dann fährst du heute ja wirklich auch noch den Grimsel.“

Um den Rest kurz zu fassen: Die e-Bikerin ist Krankenschwester am Spital von Walenstadt und ihren Arbeitsweg absolviert sie täglich am e-Bike. Dass ich aus Österreich komme, ist ihr natürlich klar und sie erklärt mir, dass sie vor zwei Wochen die Dachstein-Runde (jetzt bin ich ganz überrascht) – „aber mit einem normalen Mountainbike“ – gefahren ist, wie sie bewusst erwähnt. Und dann kommen wir auch schon am Spital in Walenstadt an (bei ca. 37 Km/h geht das natürlich relativ schnell) und nach einer kurzen Verabschiedung trennen sich unsere Wege. Sie biegt ab, ich rolle aus. Danke für die nette Begegnung!

Herrlicher Walensee

Ein landschaftlich wunderbarer Abschnitt folgt am rund 15 Kilometer langen Walensee, der auf beiden Seiten von hoch aufragenden Bergen begrenzt wird. Die Schweiz präsentiert sich mir von ihrer Bilderbuchseite. Das glasklare Wasser und die warmen (Luft-)Temperaturen laden zum Baden ein, aber die Zeit dafür will ich mir dann doch nicht nehmen. Ich bin ja beim Three Peaks Bike Race und nicht beim Three Peaks Coffee-Ride. Aber für ein paar Fotos ist schon Zeit …

High-Speed-Sightseeing in Luzern

Meine Strecke führt mich am frühen Nachmittag durch Luzern und an der berühmten Kapellbrücke vorbei. Hier nehme ich mir schon einige Minuten Zeit und genieße das mondäne Ambiente bestehend aus Vierwaldstättersee, feinen (bis sehr noblen) Häusern und der sehenswerten Kapellbrücke. Sehr schön hier und weiter geht’s zum Checkpoint 2!

Traumlandschaft am CP 2 Melchsee-Frutt

Am späten Nachmittag nehme ich den Anstieg ins Melchtal und den weiteren Weg zum Checkpoint 2 Melchsee-Frutt in Angriff. Hier ist erstmals die angekündigte Hitzewelle so richtig spürbar. Vom Gefühl her hat es um die 30° C und kein Lüftchen bewegt sich. Die ersten zehn (nämlich ansteigenden) Kilometer ins Melchtal sind deshalb etwas zäh.

Am Talschluss befindet sich die Seilbahnstation hinauf zum Melchsee und hier beginnt der eigentliche Anstieg. Und der ist großartig: Eine einspurige Straße ohne öffentlichem (PKW-)Verkehr, enges Tal, viele Kurven und Kehren, steile Felswände, talauswärts das schöne Melchtal und der Ausblick wird mit zunehmender Höhe immer beeindruckender. Dass es meistens mit zweistelligen Steigungsprozenten dahingeht, stört mich nicht, mit der Übersetzung von 40-42 finde ich einen angenehmen Rhythmus.

Bis jetzt war’s schon sehenwert, wirklich grandios wird es aber erst, als ich das Hochplateau am Melchsee auf rund 1.900 Metern erreiche. Eine großartige Hochgebirgskulisse breitet sich vor mir aus, während ich am Ufer des Melchsees entlangrolle.

Wenig später folgt der Tannensee und die Tannalp, urige Almhütten und das Gebimmel der Kuhglocken vervollständigen die perfekte Almidylle. Umrahmt wird das Ganze von schroffen Gebirgszügen, beeindruckend die Gletscher am 3.228 Meter hohen Titlis. Einfach ein herrlicher Platz!

„Ja Grüezi! Was ist denn da los?“

Die Tannalp bzw. das Almgasthaus auf der Tannalp ist gleichzeitig auch der Checkpoint 2. Als ich das Gasthaus erreiche, applaudieren vier Gäste auf der Terrasse. Ah, die wissen also was ich da mache. Zwei weitere Three Peaks-Fahrer klatschen ebenfalls. Ich grüße natürlich zurück, lehne mein Rad an den Zaun und will schon die Stiegen zur Terrasse des Gasthauses nehmen, als ein Auto eintrifft und stehen bleiben muss. Dies deshalb, weil ich mein Rad – ich hab einfach nicht aufgepasst – an das Türl der Einfahrt gelehnt hatte. Daher: Schnell zurück, parke mein Rad um und nehme die Stiegen im Laufschritt bzw. überspringe je Schritt gleich eine Stufe. Der Schweizer blickt ganz überrascht von der Terrasse und sagt im schweizer Dialekt: „Ja Grüezi! Was ist denn da los? So fit ist da ja noch keiner hochgekommen“. Die vier Schweizer lachen herzhaft, ich grinse zurück, die zwei Three Peaks-Fahrer lachen auch – höflich, aber doch eher etwas gequält …

Nachdem ich mir einen Apfelstrudel und ein kleines Getränk zum Sonderpreis von umgerechnet 14 Euro geholt habe (das war’s mir aber allemal wert), setzt ich mich an den Tisch neben den Schweizern, die nach ihrem Outfitt zufolge alle „ernsthafte“ Wanderer sein dürften. Und ja, sie sind auch eifrige Dotwatcher des Three Peaks und sind bestens informiert, wie ich feststellen darf. Dass ich aus ihrem östlichen Nachbarland komme, ist ihnen schnell klar und erwähne so nebenbei „bei uns in Österreich kennt Melchsee keiner“. Einer der Schweizer meint dazu, dass das Hochplateau um den Melchsee selbst in der Schweiz noch ein Geheimtipp sei. Das war auch von Anfang an mein Eindruck, denn trotz der der überwältigenden Landschaft geht’s hier angenehm ruhig zu. Für mich es jedenfalls klar: Am Melchsee war ich sicher nicht das letzte Mal.

Wer sein Rad liebt, der schiebt – nämlich zur Engstlenalp

Nach der kurzen Pause und dem netten Gespräch mit den Schweizer Wandersleuten, nehme ich den Wanderweg bergab zur Engstlenalp in Angriff. Diesen ca. 45-minütigen Wanderweg haben vermutlich alle Three Peaks-Teilnehmer genommen, denn man gelangt nicht nur zur Engstlenalp (und hier auf Asphalt), sondern befindet sich danach vor allem im „richtigen“ Tal. Soll heißen: Es ist dies der kürzeste Weg Richtung Checkpoint 3 in Norditalien. Und Almidylle und schöne Landschaft gibt’s hier natürlich auch:

Am Grimselpass in die Abenddämmerung

Nach der Abfahrt von der Engstlenalp rolle ich durch Innertkirchen und verpflege mich noch kurz bei einem Lebensmittelgeschäft. Genauso wie der Litauer Gedas (# 122) – mit ihm sollte ich mir später auf der Passhöhe des Grimselpasses noch spontan ein Zimmer teilen. Nach der Stärkung nehme ich um ca. 19:30 Uhr die rund 1.500 Höhenmeter auf den Grimselpass in Angriff. Mit 26 Kilometern also ein ansehnliches Abendprogramm.

Ein paar hundert Höhenmeter habe ich bereits hinter mir, als ich relativ rasch zu einem weiteren Three Peaks-Teilnehmer auffahre. Genauer gesagt: Es ist eine Teilnehmerin, der ich in den vergangenen Tagen bereits mehrmals pro Tag begegnet bin. Nämlich die Deutsche Hannah (# 129), die in Innsbruck Medizin studiert. (Für „Szene-Insider“: Ja, das trifft auch auf die bekannte Jana Kesenheimer zu und ja, die beiden kennen sich natürlich, wie ich erfahre …)

Jedenfalls war mir schon beim Einholen klar, dass sich hier wer sehr schwer tut. Ich reduziere mein Tempo und für die nächsten 30 bis 45 Minuten fahren wir gemeinsam den Grimselpass hoch. Um es kurz zu machen: Ich habe noch selten eine Person am Rad gesehen, die körperlich so am Limit war wie sie. Auf ihrem Instagram-Profil lese ich später: „When your legs get tired, cycle with your heart.“ Passend, kann ich bestätigen.

Entkräftet muss sie dann im Anstieg aufgeben und fährt zurück ins Tal, während ich in der bereits einsetzenden Abenddämmerung den einsamen Grimselpass weiter hochfahre und mir denke, dass hinter ihrem Namen nun wohl ein „DNF“ (did not finish) aufscheinen wird. Zwei Tage später sollte ich übrigens erfahren, dass sie sich bereits im Tal übergeben musste und völlig „leer“ trotzdem den Anstieg in Angriff nahm. Das war in meiner Abfahrt vom Colle del Nivolet – hier traf ich sie nämlich wieder, sie fuhr gerade hoch …

Tag 4 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 5: Schweizer Bergidylle und monotone Po-Ebene

Frühstück gibt’s bereits ab sieben Uhr und so nehmen mein Zimmerkollege Gedas und ich diese Stärkung gerne mit. Um 7:30 Uhr sitzen wir am Rad und verabschieden uns – denn während Gedas über den Nufenenpass nach Italien fahren will, nehme ich den Simplonpass. Hier noch der Blick vom Frühstückstisch auf den Totensee am Grimselpass; schaut ja doch irgendwie nach Urlaub aus …

Etwas Taktik: Ein Berg, zwei Optionen

Nach dem gestrigen Kontrollpunkt 2 am Melchsee folgt mit dem 2.640 Meter hohen Colle del Nivolet der nächste „place to be“. Dieser Kontrollpunkt 3 befindet sich nordwestlich von Turin und bietet eine interessante Option: Vom Aostatal kann man die Passhöhe nämlich auch durch das Valsavarenche erreichen. Am Talende liegt Pont, hier endet die Asphaltstraße und es folgt ein (zum Teil) steiler, überwiegend nicht fahrbarer Wanderweg über 700 Höhenmeter zum Colle del Nivolet. Die Abfahrt erfolgt auf der „richtigen Seite“, sprich auf Asphalt nach Cuorgnè. In diesem Fall ist davor der Große St. Bernhard-Pass zu überwinden, um von der Schweiz nach Italien und hier eben in das Aostatal zu gelangen.

Ich habe mich aber bereits Monate davor für die Variante Simplonpass – Poebene – Cuorgnè – Colle del Nivolet entschieden. Alles Asphalt, zudem besteht hier die Möglichkeit das Gepäck im Tal zu lassen und – je nach Tageszeit – auch gleich ein Quartier im Tal zu nehmen, da man auch wieder talauswärts fahren muss. Zudem war ich noch nie davor am Colle del Nivolet und wollte diesen schon seit rund zehn Jahren befahren. Wandern ist zwar auch schön, aber bei einer Radtour muss das nicht unbedingt sein.

Einen Favoriten dieser beiden Möglichkeiten hat es übrigens nicht gegeben, das Teilnehmerfeld teilte sich sehr gleichmäßig auf eine der beiden Varianten auf.

Über den Simplonpass nach Italien

Zurück zum Grimselpass. Der Tag beginnt angenehm, nicht nur wegen dem erwähnten Frühstück und dem wieder prächtigen Sommerwetter. Die ersten 55 Kilometer führen nämlich fast ausschließlich bergab und ich passiere sehenswerte Dörfer, die mit ihren vielen dunkelbraunen Holzhäusern ein prächtiges Bild abgeben.

In Brig nehme ich die alte Passstraße auf den Simplonpass, die mich zumindest für die ersten paar Kilometer vom Verkehr verschont. Der Simplonpass ist zwar landschaftlich ganz in Ordnung, aber die kilometerlangen Galerien (auf beiden Seiten des Passes) und der Schwerverkehr auf dieser entsprechend ausgebauten (Transit-)Straße sind etwas mühsam.

Po-Ebene: flach und zäh

Nach einer Highspeed-Abfahrt auf italienischer Seite erreiche ich Domodossola und rund eine Stunde später den sehenswerten Lago d’Orta.

Danach wird’s etwas mühsam: Die folgenden 150 Kilometer führen mich durch die Po-Ebene. Ich passiere etliche Kleinstädte, viele Kreisverkehre, zwei Umleitungen inklusive und ein paar kurze Verfahrer passieren mir natürlich auch. Wenn ich nicht wüsste, dass ich für diesen Abschnitt viel Zeit in die für mich optimale Streckenplanung investiert hatte, hätte ich jetzt Zweifel. So folge ich strikt meinem GPS-Track und hoffe, dass möglichst bald wieder Berge am Horizont auftauchen. Ziel ist ja der Colle del Nivolet mit stattlichen 2.640 Metern.

Die Highlights sind rar, ein paar Bilder gibt’s aber doch:

Glückliches Ende einer (fast) unglücklichen Quartiersuche

So vergeht die Zeit und als ich endlich Cuorgnè und damit den Talanfang erreiche, scheint keine Sonne mehr. Die ist bereits hinter den Berggipfeln verschwunden. Ich drücke nochmals auf’s Tempo, um noch möglichst weit in das zu Beginn eher flache Tal zu fahren. Mein Plan ist klar: Am Beginn des eigentlichen Anstieges eine Unterkunft zu finden, am frühen Morgen des folgenden Tages auf den Nivolet zu fahren, zurück ins Quartier, Gepäck aufnehmen und weiter in Richtung Frankreich.

Jedenfalls bleiben vier Zimmeranfragen ergebnislos, kosten mich zudem relativ viel Zeit und so ist es bereits nach 23 Uhr als ich irgendwo bei einem „Appartamento“ auf gut Glück anläute. Ich mache mir keine großen Hoffnungen, aber wenn es schon direkt am Straßenrand liegt, kann man es ja versuchen.

Es öffnet eine ältere Dame, die nur italienisch spricht, was mit meinen wenigen Grundkenntnissen des Italienischen schwer bis nicht vereinbar ist. Mit Hilfe des Google-Übersetzers erklärt sie mir, dass sie nichts frei hat und unser (ja eigentlich nicht vorhandenes) Gespräch neigt sich schon dem Ende zu, als ihr Gatte erscheint.

Mit einem „wos is denn do los?“ auf Italienisch (ich interpretiere das zumindest so) lässt er sich von seiner Frau die in Anbetracht der späten Uhrzeit ungewöhnliche Situation erklären. Die beiden diskutieren, per Übersetzer frag ich, ob es sonst wo eine Quartiermöglichkeit gibt. Die Dame beginnt zu telefonieren, aber im einzigen Albergo in der Nachbarortschaft erreicht sie niemanden. Nochmals Beratungen auf Italienisch, ich verstehe nichts, aber es hört sich irgendwie vielversprechend an. Die beiden hätten mich ja schon längst wieder in die finstere Nacht schicken können, aber das wollen sie nun doch nicht, so mein Empfinden. Es wird weiter diskutiert, der Herr greift nach dem Telefon, irgendwer nimmt den Anruf an und wieder folgt ein angeregtes Gespräch. Es vergeht fast eine Minute und mir ist klar, ein „normales“ Albergo kann das nicht sein, aber das hört sich nach einer Lösung an. Per Übersetzer erklärt mir die Dame, dass der Bruder ihres Gatten mir seine leerstehende Wohnung für eine Nacht überlässt. Kurzfristig gibt es aber noch ein Problem: Google Maps funktioniert irgendwie nicht, um mir die einen Kilometer entfernte Unterkunft zu zeigen. Der Herr, der offensichtlich wenig von dem modernen Zeugs hält, nimmt seine Autoschlüssel aus der Hosentasche und sagt, dass er mich zum Haus seines Bruders fährt. Das verstehe ich auch ohne Übersetzer. Er holt sein Auto aus der Garage und wir fahren schon. Das Ganze um 23:20 Uhr, unglaublich!

Also „wir“ stimmt nicht ganz, ich fahre natürlich am Rad hinter dem Auto und weil er bemerkt, dass ich scheinbar locker mitfahren kann, drückt er ein bisserl auf’s Gas. So fahren mein „Schrittmacher“ und ich mit rund 40 Km/h durch die Nacht. Zumindest einen Kilometer, dann erreichen wir das Haus, sein Bruder erwartet uns bereits. Die beiden unterhalten sich prächtig, keine Eile, auch wenn es bald Mitternacht wird. Wegen der flotten Fahrt fragt mich mein Chauffeur noch nach meinem „bicicletta elettrica“, ich sag ihm „no, non elettrico“. Sein Bruder will daraufhin wissen, wo ich herkomme und wo mein nächstes Ziel ist. Ich erkläre ihm, dass ich so ein komisches Radrennen fahre und der Nivolet mein nächster Checkpoint ist. „Incredibile“ und ähnliche Bekundungen folgen. Die beiden haben schon fast ihren Spass an der mitternächtlichen Begegnung.

Meinem „Fahrer“ will ich dann übrigens noch fünf Euro Trinkgeld für seine Dienste geben, was dieser vehement ablehnt. Danach zeigt mir sein Bruder die leerstehende Wohnung, die nicht nur vollständig möbliert, sondern auch jederzeit bezugsbereit ist und erklärt mir, dass ich die Küche gerne benutzen kann, denn Nudeln und Reis sind vorhanden. Ich bekomme noch Getränke, sage ihm, dass ich frühmorgens zum Nivolet aufbreche und dann wieder zurückkomme, um mir mein Gepäck zu holen. Ich bezahle einen „Unkostenbeitrag“ und bedanke mich für die außergewöhnliche Hilfsbereitschaft, die ich hier erhalte. Und ja, das Pasta-Pur-Angebot habe ich gerne angenommen …

Tag 5 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 6: Starker Beginn und eher schwaches Ende

Dank der zwei Portionen Nudeln um Mitternacht brauche ich um 5:00 Uhr kein Frühstück. Um 5:00 Uhr läutet nämlich mein Wecker und mangels Alternativen kann ich mir sowieso nur nochmals Pasta pur oder Reis zubereiten. Danke, Frühstück gestrichen und so starte ich um 5:20 Uhr zum Colle del Nivolet. Ohne Gepäck, das bleibt in der Unterkunft.

Ein guter Tag beginnt am Colle del Nivolet

Mit 2.612 m ist der Colle del Nivolet natürlich ein sehr seriöses Unterfangen. Ich bin zwar gestern schon etliche Kilometer taleinwärts gefahren, trotzdem fehlen noch ziemlich genau 2.000 Höhenmeter.

Im Vergleich zum gestrigen Simplonpass mit viel Verkehr und langen Galerien ist der Anstieg auf den Nivolet das Gegenteil. Selbst im letzten größeren Ort des Tales, in Ceresole Reale, erblicke ich um ca. 6:00 Uhr keinen Menschen, eine fast gespenstige Stille.

Landschaftlich ist die Auffahrt auf den Nivolet ein Hochgenuss. Der höchste Punkt der Straße liegt auf 2.612 Metern, somit bewegt man sich (im Vergleich zu vielen anderen Bergstraßen der Alpen) relativ lange im baumfreien Hochgebirge, was natürlich stets einen uneingeschränkten Blick in die umliegende Bergwelt zulässt.

Um 7:45 Uhr erreiche ich das Passschild am Colle del Nivolet, keine Menschenseele weit und breit. Checkpoint 3 ist damit abgehakt.

Nach der Abfahrt mit einem Frühstücks-Zwischenstopp nehme ich bei meinem Quartier das Gepäck auf und fahre in Richtung Turin weiter.

Nordwestlich von Turin liegt der Palast von Venaria Reale und nachdem dieser nahe am schnellsten Weg ins Susatal liegt, habe ich diese Sehenswürdigkeit bei meiner Tourenplanung in den GPS-Track mitaufgenommen.

Mühsames Val di Susa

Nach diesem Palazzo ist das nächste Ziel das Val di Susa und der Col de Montgenèvre an der Grenze Italien/Frankreich. In Summe rund 80 Kilometer und 1.600 eher „flache“ Höhenmeter, weil der Montgenèvre eine wichtige Verkehrsverbindung und die Trasse dementsprechend moderat angelegt ist. Also eigentlich kein großes Drama.

Es wird aber trotzdem eine anstrengende und relativ langwierige Angelegenheit. Einerseits ist die Hitze ziemlich drückend und zwingt mich zu einigen zusätzlichen Zwischenstopps an Brunnen und Lebensmittelgeschäften, andererseits ist mir das Val di Susa in etwas schlechter Erinnerung. 2002 waren es mühsame 700 Höhenmeter bergauf mit viel Verkehr von Susa nach Salbertrand; das Ganze am Ende einer tagesfüllenden Mountainbike-Tour über die Assietta-Kammstraße. 2021 war es eine Abfahrt während der Gravelbiketour „Turin-Nizza“ von Cesana Toriniese nach Oulx, zwar nur knapp 300 Höhenmeter bergab, aber selbst die sind mir wegen der kurvenarmen und langweiligen Straße mit einigen Tunnels in eher negativer Erinnerung.

Somit war ich schon während der Tourenplanung Monate zuvor von diesem Abschnitt wenig begeistert. Streckenkenntnisse sind grundsätzlich von Vorteil, in diesem Fall aber nicht. Mit diesem Hintergrundwissen und mit der drückenden Hitze vor Ort, ist das Val di Susa eine mentale Herausforderung und so fallen auch die erwähnten Pausen etwas länger aus, als an den Tagen davor. Kraftmäßig habe ich keine Probleme, trotzdem ist es eine mühsame Angelegenheit.

Jedenfalls erreiche ich um ca. 19:30 Uhr das Skidorf Claviere am Col de Montgenèvre und erblicke am Ortsanfang ein B&B, daneben eine Pizzeria – ein zu verlockendes Angebot. Der Vermieter hat ein Zimmer frei und so fällt es mir relativ leicht, den Tag etwas vorzeitiger als sonst zu beenden. Mit 225 Kilometern und 4.000 Höhenmetern bleibe ich zwar klar unter meinem bisherigen (knappen) 300er-Tagesschnitt, aber der Teller Nudeln und die Pizza waren für Körper und Geist notwendig.

Tag 6 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 7: Mont Ventoux und Finisher Parcours

Bereits bei den erwähnten Nudeln und der Pizza am Vorabend war mir klar, dass ich den eher durchschnittlichen 6. Tag heute ausbügeln werde. Daher Wecker auf 4:20 Uhr, der aber wirkungslos bleibt, weil ich (wie auch an den Tagen zuvor) bereits früher wach bin. Unglaublich, was im Unterbewusstsein so ablaufen muss. Das vom Hausherrn am Vorabend servierte Frühstück verspeise ich fast zur Gänze, nebenbei anziehen, zusammenpacken etc. Um 4:58 Uhr sitze ich am Rad.

Die Abfahrt vom Montgenèvre nehme ich wegen der Finsternis etwas defensiv in Angriff. Erst in Briançon, um ca. 5:30 Uhr, beginnt es endlich zu dämmern. Nach 60 Kilometern erreiche ich Embrun, fahre auf der Suche nach einem Cafe oder einer Boulangerie extra durch das Zentrum. Zwei Mal erklärt man mir, dass wegen des allgegenwärtigen Wassermangels kein Kaffee serviert wird. Kein Witz! So kaufe mir in einer Boulangerie lediglich irgendein helles Gebäck, das aber so trocken ist, dass ich es während meiner Weiterfahrt nur zur Hälfte essen kann, weil ich sonst meine Flaschen auf einmal leer trinken muss. Die zehn Minuten durch Embrun hätte ich mir also schenken können. Das verbleibende halbe Gebäck bekommt ein Esel. Hoffentlich ist er nicht verdurstet…

Durch den Obstgarten

Heute läuft’s, es ist eine richtige Freude! Bei Tallard wechsle ich die Ansicht meines Garmins und bin überrascht, als ich die Durchschnittsgeschwindigkeit erblicke: 28,9 Km/h und bereits über 100 Kilometer am Tacho. Überrascht bin ich auch von der schönen Landschaft, die von Obstanbau geprägt ist. Auch weil ich in dieser Ecke vorher noch nie gewesen bin und ich im Vorfeld keinerlei Erwartungen hatte.

Durch die herrliche Gorges de la Méouge

Wie erwähnt, ist die Gegend für mich Neuland und was nun folgt, habe ich beim Tourenplanen komplett übersehen: Mein GPS-Track führt mich nämlich durch die Gorges de la Méouge. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, die Straße schlängelt sich kilometerlang entlang der Felswände, Menschen baden in den Gumpen des Flusses und die Laute der Zikaden sind allgegenwärtig.

Über den „Toten-Mann-Pass“

Nach dem Highlight Gorges de la Méouge folgen extrem zähe 20 Kilometer: Rauer Asphalt, die Straße immer wieder etwas ansteigend und ein warmer, trockener Gegenwind, als würde mir andauernd jemand mit dem Föhn ins Gesicht blasen. Gefühlt hat es über 30 °C! Meine zwei Zwischenstopps zum Auffüllen meiner Trinkflaschen bleiben leider ergebnislos, erst in Séderon falle ich in ein Lebensmittelgeschäft ein. Und das war dringend notwendig.

Mein nächstes Ziel ist Sault am Fuße des Mont Ventoux, davor gilt es noch den Col de Macuègne (1.068 m) mit ca. 300 Höhenmetern Anstieg und den folgenden Col de l’Homme Mort (1.212 m) zu bewältigen. Zwei Vorposten am Weg zum Ventoux, die mich schon erahnen lassen, was später am Ventoux noch folgen sollte. Denn die Szenerie über diese beiden Übergänge ist so surreal, dass es schon wieder schön, zumindest „bemerkenswert“, ist. Die Hitze ist extrem, die Luft über dem Asphalt flimmert, die Landschaft präsentiert sich komplett karg und ausgedörrt, fast schon steppenartig. Einzig der Lavendel gedeiht hier prächtig. Über beide Cols begegne ich keinem Autofahrer, denn wer nicht „muss“, fährt bei dieser Hitze nicht durch die Gegend.

Am Col de l’Homme Mort erblicke ich ihn endlich – nicht den toten Mann, wie der Pass ins Deutsche übersetzt heißt, sondern mein eigentliches Ziel, den Mont Ventoux. Und der ist doch nochmals deutlich höher, wie am folgenden Bild zu sehen ist …

Mont Ventoux: Auf den Berg der Berge

Endlich ist es soweit: Ich stehe am Fuße des Mont Ventoux, dem Radsportberg schlechthin und ich muss gestehen, dass ich bis jetzt noch nie am Ventoux war! Fast eine Schande, andererseits überwiegt dadurch die Vorfreude, endlich diesen legendären Berg unter die Räder nehmen zu dürfen. Denn wirklich „lustig“ ist es nicht – ich befinde mich in Sault, es ist Nachmittag und die Temperaturanzeige an einer Apotheke zeigt mir 36° C. Komplett verrückt, jetzt auf den kahlen Ventoux zu fahren. Ich mache es trotzdem, deshalb bin ich hier.

Am Schlimmsten sind (im Nachhinein gesehen) die ersten paar Kilometer des 25 Kilometer langen Anstieges. Die Straße zieht sich durch geerntete Getreidefelder, kein Lüftchen regt sich und zwei rüstige Belgier, die von ihren Frauen im Auto begleitet werden, müssen schon hier völlig gezeichnet vom Rad steigen.

Ich erreiche endlich den (lichten) Wald, die Steigung ist relativ moderat und nachdem auch hier fast keine Autos fahren, weiche ich oft auf die linke Straßenseite aus. Denn hier spenden die Bäume zumindest etwas Schatten.

Nach rund 18 Kilometern Anstieg erscheint auf 1.400 Metern Höhe das bekannte Chalet Reynard, wo ich (zu meiner Überraschung) kostenlos meine Flaschen mit Trinkwasser auffüllen kann. Kurz danach nehme ich die letzten ca. sechs Kilometer und 500 Höhenmeter in Angriff, jenen Abschnitt, der so typisch für den Mont Ventoux ist: Ein einziges Geröllfeld aus (scheinbar) losen Steinen. Dazu das von Weitem sichtbare Observatorium am 1.909 Meter hohen Gipfel, das so abweisend und kahl aussieht, dass es perfekt in diese Mondlandschaft passt. Unfassbar. Abweisend und schön gleichzeitig.

Der Ventoux, der auch als „Gigant der Provence“ bezeichnet wird, ist wegen seiner Wetterkapriolen berüchtigt. Die Gipfelregion ist oftmals in Nebel bzw. Wolken gehüllt und der Wind ist hier meistens Thema. Angeblich, denn am späten Nachmittag erreiche ich den Gipfel bei gefühlten 25° C, Windstille und einer guten Fernsicht. Ein paar Gipfelfotos dürfen natürlich nicht fehlen und dann starte ich in die Abfahrt nach Malaucène. Ohne Windweste oder Ärmlinge – die braucht es einfach nicht.

Finisher-Parcours: Die Col-lection beginnt!

Bevor es nun ins Ziel nach Nizza geht, ein paar „fun-facts“ als Hintergrundwissen: Die three peaks dieses bike races sind ja seit dem Colle del Nivolet längst erledigt. Der Veranstalter wollte offenbar den Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Schönheiten Südfrankreichs zeigen und integrierte in die 2022er-Ausgabe einen netten „Finisher Parcours“ nach Nizza. Den gab es übrigens auch im Jahr 2020, jedoch war der dritte peak der Mont Ventoux. 2022 dient die Auffahrt auf den Ventoux also nur dazu, um am Gipfel den Beginn des Finisher Parcours zu erreichen. Tja, der Start dieses Parcours liegt leider nicht im Tal. Aber egal, wo diese vorgegebene Strecke ins Ziel nach Nizza beginnt: Die Kleinigkeit von 452 Kilometern und 8.270 Höhenmetern bis nach Nizza wollen absolviert werden. Es ist also eine schöne Aneinanderreihung etlicher Bergstraßen, quasi eine ausgewählte „Col-lection“.

Im Geschwindigkeitsrausch auf den Col de Perty

Nach der Abfahrt vom Mont Ventoux kehre ich in Malaucène noch kurz in einem Lebensmittelgeschäft ein, denn mein Radtag ist noch nicht beendet, auch wenn es bereits früher Abend ist. Bis zum ersten „echten“ Berg, dem 1.302 Meter hohen Col de Perty, sind es rund 55 Kilometer und knapp 1.200 Höhenmeter – der geht heute also sicher noch.

Die Fahrt bei der nun tiefstehenden Abendsonne ist ein Genuss. Die umliegenden Berge und Hügel in der dünn besiedelten Landschaft sind herrlich ausgeleuchtet. Zudem „läuft“ es heute sehr gut, auch nach über zwölf Stunden Fahrzeit ist das Fahren eine Freude, es geht einfach richtig viel weiter.

Speziell im Anstieg auf den Col de Perty. Da ich die bevorstehende Abfahrt bei noch einigermaßen akzeptablen Lichtverhältnissen absolvieren möchte, drücke ich auf’s Tempo. Ich kann es fast nicht glauben, mit welch einem „Zug“ ich den Anstieg fahren kann. Ab und zu erscheinen 15, 16 Km/h am Tacho und ich muss mich einige Male zügeln, etwas langsamer zu fahren, weil ich befürchte, dass „mir das am nächsten Tag fehlen“ könnte. Ich bin noch nie zuvor so lange am Rad gesessen – aber es funktioniert einfach. Die Mischung aus Adrenalin und Euphorie endlich am Finisher Parcours zu sein, dazu ein gewisser Ehrgeiz entfalten scheinbar mehr Wirkung, als jedes Kohlehydrat-Gel.

Auf der 1.302 Meter hohen Passhöhe des Perty mache ich noch ein schnelles Foto (siehe oben) und nehme sodann die Abfahrt in Angriff. Ohne Licht geht es aber nicht mehr, denn die Dämmerung ist schon zu weit fortgeschritten, auch wenn das am obigen Foto gar nicht so aussieht.

Und wo ist jetzt das Quartier?

Um ca. 22:00 Uhr erreiche ich die erste größere Ortschaft, halte an, um am Handy die Lage meines während der Anfahrt zum Col de Perty reservierten Zimmers zu finden. Geistig habe ich die heutige Etappe bereits beendet und als kleine Belohnung für den erfolgreichen Tag sehe ich mich schon in einer Pizzeria sitzen. Ich gebe am Handy also die Unterkunft ein, die Kartendarstellung wird plötzlich kleiner und der Routenplaner gibt 45 Kilometer vom aktuellen Standpunkt bis zur Unterkunft aus. Das gibt’s ja nicht?! Ich überprüfe das mehrmals und muss feststellen, dass ich beim Buchungsvorgang offenbar die Ortschaft verwechselt habe oder was auch immer.

Und plötzlich wird ein bis jetzt problemloser Radtag mühsam und zäh. Während die Pizzeria weit weg ist, ist ein gewisser Ärger über diesen Fauxpas vorhanden, noch dazu muss ich nun durch die Nacht fahren, was ich prinzipiell vermeiden wollte. Über eine Stunde lang hadere ich mit der Situation, fühle mich unwohl in der Nacht, obwohl fast kein Verkehr vorhanden ist und die Temperaturen noch immer angenehm warm sind. Erst zehn Kilometer vor Sisteron – hier ist nämlich mein Quartier – habe ich mich mit der Situation abgefunden, kann die Stille und Finsternis um mich akzeptieren und irgendwie taugt es mir nun sogar. Kurz schießt mir die Frage ein, warum ich überhaupt ein Quartier reserviert habe, denn eigentlich kann ich auch weiterfahren …

In Sisteron nehme ich vernünftigerweise doch die Abzweigung zum Quartier. Als ich dort um 23:30 Uhr ankomme, klebt eine Dame gerade einen Zettel mit meinen Namen auf die Eingangstür. Ich entschuldige mich für mein spätes Erscheinen, bezahle gleich mein Zimmer und bekomme noch eine kalte Jause. Die teilweise etwas fette Wurst und der Speck sind zwar nicht optimal, aber nach über 15 Stunden reiner Fahrzeit und 350 Kilometern bin ich froh, überhaupt noch etwas zu bekommen.

Tag 7 – Zahlen, Daten & Fakten:


Tag 8: Durch die Verdonschlucht nach Nizza

Um 5:00 Uhr läutet der Wecker, eine halbe Stunde später sitze ich (ohne Frühstück) am Rad. Denn eines ist für mich klar: Das nächste Quartier ist in Nizza und ob ich heute 4.000 oder 6.000 Höhenmeter zu fahren habe, ist mir egal. Klarerweise weiß es mein Garmin, ich schaue aber nicht nach, weil’s eben egal ist.

Etwas „leer“ über den Signal de Lure

Ich fahre also durch Sisteron („ah, diese herrliche Stadtansicht habe ich ja schon von Tour de France-Etappen gesehen!“) und zum „kleinen Mont Ventoux“, dem Signal de Lure mit 1.745 Metern. Es folgen ca. 1.250 Höhenmeter Anstieg, praktisch zum Frühstück, das ich aber nicht gehabt habe. Nachdem der Körper scheinbar noch immer im Ruhemodus ist, muss ich den ganzen Anstieg im Schongang nehmen, auch weil wegen der mitternächtlichen Speckjause und dem fehlenden Frühstück mein Energieniveau relativ niedrig ist. Dank einem Kohlehydrat-Gel und einer Übersetzung von 40-42 kann ich den Anstieg einigermaßen vernünftig bewältigen. Landschaftlich ist der Berg durchaus sehenswert, vor allem die Gipfelregion, die etwas „grüner“ ist als jene am Mont Ventoux.

Es funktioniert wieder …

Nach der Abfahrt erreiche ich das beschauliche St. Etienne-les-Orgues und halte beim ersten Supermarkt an, um meine beinahe leer gefahrenen Speicher wieder zu füllen. Am Hauptplatz kehre ich noch zusätzlich kurz in einem Kaffeehaus ein, damit auch der Geist erwacht. Beides zeigt Wirkung, schon auf den ersten Kilometern nach dieser Pause fühle ich mich wie ausgewechselt und blicke freudig der Fahrt durch die spektakuläre Verdonschlucht entgegen.

Bis zum Grand Canyon du Verdon sind es aber noch über 70 Kilometer und etliche Wellen mit insgesamt rund 750 Höhenmetern. Die Hitze ist wieder enorm, speziell auf den baumfreien Hochflächen brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel. Einzig der Lavendel gedeiht hier prächtig und wird somit auch großflächig angebaut. La belle France, wie aus dem Kalender.

Oh, den kenn ich vom Live-Tracker …

Kurz vor der Verdonschlucht halte ich bei einem Supermarkt an. Als ich vom Geschäft zum Rad gehe, sehe ich ein zweites Rad mit Packtaschen neben meinem Gefährt stehen. Es dauert nicht lange und schon kommt der Besitzer und sagt mit einem Lächeln zu mir: „Na du kannst jetzt nur der Gerhard sein, weil deine Nummer verfolge ich schon tagelang am Live-Tracker, gesehen haben wir uns aber noch nie!“ Mir ist auch klar, dass er nur Jakob (# 138) sein kann. Ich habe zwar nur ab und zu auf den Tracker geblickt, dass sich die Nr. 138 aber stets in meinem Umkreis aufgehalten hat, ist mir natürlich schon aufgefallen. Jedenfalls sollten wir die nächsten ca. 70 Kilometer mehr oder weniger gemeinsam absolvieren.

„Mehr oder weniger“ deshalb, denn wir erreichen rund 20 Kilometer später den Eingang der Verdonschlucht und hier muss ich beim ersten Aussichtspunkt natürlich stehen bleiben und folgendes Motiv der beeindruckenden Schlucht fotografieren …

Jakob fährt weiter, was mich natürlich nicht stört und auch völlig ok ist. Ich setze mich auch wieder auf’s Rad, fahre ihm nach und ein paar Minuten später hole ich ihn wieder ein. Das Ganze sollte sich in der Verdonschlucht so ungefähr zehn Mal wiederholen, weil die Aus- und vor allem Tiefblicke für mich zu faszinierend sind, als einfach daran vorbeizufahren. Und „fahren“ will ich ihn auch nicht lassen, da ist mein Ehrgeiz, vor ihm ins Ziel zu kommen, doch zu groß. Es ist quasi eine Art Intervalltraining.

Durch die spektakuläre Verdonschlucht

Jetzt aber endgültig zur Verdonschlucht: Das absolute Highlight der Streckenführung des Finisher Parcours ist natürlich die Fahrt durch den Grand Canyon du Verdon. Neben der Taraschlucht in Montenegro ist sie die bedeutendste Schlucht Europas. Vor über 20 Jahren fuhr ich das erste und bis jetzt einzige Mal durch die Schlucht und die Vorfreude auf diesen Abschnitt war schon Monate vorher groß. Vorausgesetzt, ich würde es beim Three Peaks soweit schaffen …

Von Westen kommend sind gleich zu Beginn ca. 500 Höhenmeter auf den Col d’Ayen zu bewältigen. Die Hitze ist speziell hier extrem, die Luft steht und es erfordert ein hohes Maß an Willenskraft, damit ich an so manchen schattigen Plätzen keinen Zwischenstopp einlege. Und wie erwähnt, den Herrn Jakob möchte ich auch nicht so einfach ziehen lassen, auch wenn ich teilweise nicht weiß, ob er vor mir oder hinter mir ist.

Nach dem Hochpunkt am Col d’Ayen erreichen Jakob und ich La Palud, die einzige Ortschaft inmitten der Verdonschlucht. Hier beginnt und endet die Route des Cretes, eine 23 Kilometer lange Rundstrecke mit 620 Höhenmetern, die oftmals bis direkt an den Rand der tief abfallenden Felswände führt. Als Tourist darf man sich diese Panoramastraße nicht entgehen lassen, denn die Ausblicke sind unglaublich. Das wusste offenbar auch der Veranstalter des Three Peaks, denn diese Extraschleife ist Bestandteil des Finisher Parcours und somit gibt’s auch von der Route des Cretes folgende großartige Bilder:

Von einem der Aussichtspunkte gehe ich schon zum Rad zurück, als plötzlich ca. zehn Gänsegeier im Anflug sind. Ein paar dieser beeindruckenden Greifvögel kann ich noch festhalten. Ein großartiges Erlebnis.

Nach der Schleife der Route des Cretes erreichen wir somit nochmals La Palud und in weiterer Folge Castellane am Ende der Verdonschlucht, wo wir uns kurz verpflegen.

Finish am Finisher Parcours

Nach dem kurzen Stopp in Castellane fehlen noch rund 120 Kilometer und 1.500 Höhenmeter bis in Ziel nach Nizza. Für mich ist klar, dass ich diese Distanz durchfahre und erst in Nizza das nächste Mal vom Rad steigen werde. Fotografieren ist praktisch auch erledigt und zudem möchte ich so viele Kilometer wie möglich bei dem noch vorhandenen Tageslicht absolvieren. Folglich kommt es im nächsten Anstieg, dem 1.365 Meter hohen Col de Saint Barnabé, zu einer „einvernehmlichen Lösung“ von Jakob und mir.

Die folgenden 50 Kilometer bis zum Einbruch der Finsternis verlaufen, wie auch davor, nämlich sehr gut. Mit dem Wissen, dass ich heute das Ziel erreichen werde, bin ich mit ordentlich Druck am Pedal unterwegs, denn Reserven brauche ich mir für den nächsten Tag nicht aufzusparen. Die Streckenführung bietet immer wieder spektakuläre Momente, wie auch dieses Bild beweist (dafür muss ich doch nochmals anhalten; Straßenverlauf im unteren Teil des Bildes):

Ein etwas nerviges Ende

Im letzten etwas längeren Anstieg nach Carros muss ich mir für die verbleibenden rund 50 Kilometer nochmals die in der Nacht verpflichtend zu tragende Warnweste und die reflektierenden (Fuss-)Bänder anlegen. Ich halte an, ziehe die Weste über und finde die Bänder nicht. Es ist bereits finster und im Lichtkegel meiner Stirnlampe durchsuche ich alle drei am Rahmen montierten Taschen nach diesen Bändern, denn eine mögliche Zeitstrafe will ich im Ziel dafür nicht kassieren. Endlich werde ich fündig, die Standzeit von ca. zehn Minuten ärgert mich.

Ab Carros folgt dann eine Art Höhenstraße, die sich ungefähr 200 Meter über dem Talboden befindet und in Richtung Meer führt. Ich weiß aus Erfahrung, dass sich Nizza und die Vororte weit ins Landesinnere ausdehnen und es entsprechend dauert, bis man auf der Promenade am Meer ankommt. Von dieser Höhenstraße erblicke ich mehrmals viele Lichter, von denen ich glaube, dass es sich dabei um das Zentrum von Nizza handelt. Etliche Kurven später stelle ich immer wieder fest, dass weiter vorne das nächste „Zentrum“ liegt. Die Straße mag ja landschaftlich ganz schön sein, zumindest bei Tageslicht; jetzt in der Nacht hält sich meine Freude darüber in überschaubaren Grenzen.

Irgendwann befinde ich mich doch auf der langersehnten Abfahrt, die mich auf Meeresniveau führt. Ich verfahre mich noch bei einem mehrspurigen Kreisverkehr und erreiche endlich den ca. acht Kilometer langen Radweg auf der Promenade des Anglais, der vom Flughafengelände im Westen bis zum alten Hafen im Osten Nizzas führt.

Und hier ist gerade rush hour: Denn an einem Samstagabend im Juli, kurz nach 23:00 Uhr, ist man auf der Promenade des Anglais ganz und gar nicht alleine. Halblustige Party-Menschen, Skateboarder, Rollschuhfahrer, e-Scooter-Fahrer, Radfahrer, von denen manche scheinbar erstmals das Freihändig-Fahren ausprobieren etc. stellen meine Nerven auf die Probe. Acht Tage lang musste ich mehr oder weniger nur auf mich schauen, jetzt muss ich plötzlich auf so manch schrägen Vogel aufpassen, um nicht vorzeitig vom Rad zu steigen. Was die Unfallgefahr anbelangt, sind diese letzten Kilometer auf der Promenade der gefährlichste Abschnitt der ganzen bisherigen Strecke. So etwas wie Euphorie über das baldige Erreichen des Zieles verspüre ich deshalb ganz und gar nicht.

Von „hinten“ ins Ziel

So kommt es, dass ich am Ziel vorbeifahre. Zielstrich oder irgendwelche Transparente am Radweg gibt es nicht, mein GPS-Track ist aber zu Ende und ich rolle aus. Nachdem ich an einem offenen, pavillonartigen Konstrukt vorbeigefahren bin (davon gibt es mehrere auf der Promenade) und sich hier natürlich auch einige Menschen aufhalten, drehe ich um und rolle auf der Suche nach dem Ziel hindurch. Hier erblicke ich ein paar Rennradler, die Pizza essen und einen Herrn mit Fotoapparat, der zu mir sagt: „ja hallo, wo kommst denn du her?“. Ich halte an und sage: „von Wien“. Finish!

Rund zehn Minuten später kommt auch Jakob ins Ziel und wir lassen uns miteinander ablichten. Dass mich die letzten ein, zwei Stunden etwas genervt hatten, kann ich nicht ganz verbergen; zum Glück ist das Foto etwas unscharf …

Tag 8 – Zahlen, Daten & Fakten:


Mit einigen Wochen Abstand

Abenteuer beginnt für mich dort, wo man seine persönliche Komfortzone verlässt. Dafür braucht es nicht unbedingt ein Three Peaks Bike Race, weil auch jede „normale“ mehrtägige Radreise mit Gepäck hat einen Hauch von Abenteuer. Spätestens dann, wenn man Landessprache und Speisekarte nicht mehr versteht …

Beim Three Peaks sind es dann doch verschärfte Umstände, sofern man mit einem gewissen Ehrgeiz an die Sache herangeht. Und der war bei mir vorhanden, denn sonst hätte ich mich nicht an den Start gestellt. Meine Komfortzone verlassen, musste ich jedoch nicht beim Radfahren, darauf war ich eigentlich geistig eingestellt, sondern bei zwei anderen Dingen, mit denen ich eher nicht gerechnet hatte. Nämlich beim Draußen-Schlafen im Schlafsack in der ersten Nacht (hatte ich zuletzt vor über 20 Jahren gemacht) und beim Fahren in der Nacht. Tja, mit dem Rad nach dem Vereinsabend von Kirchberg nach Kilb in bekannter Gegend nach Hause zu fahren, ist ganz nett. Aber in einer fremden Gegend durch die stockdunkle Nacht zu navigieren und nicht zu wissen, wo man schläft, ist dann doch etwas ganz anderes. Das hätte ich natürlich vorher „üben“ können. Werde ich nachholen.

Meine ursprüngliche Schlafstrategie war, eine Nacht im Freien und die nächste Nacht in einer Unterkunft zu verbringen. (Diese habe ich nach der schlechten ersten Nacht verworfen.) Ob ich mit meinem ursprünglichen Plan schneller gewesen wäre, weiß ich nicht. Vielleicht auch langsamer. Denn es ist natürlich zu bedenken, dass ein auch nur vier- oder fünfstündiger Schlaf in einer Unterkunft, wo man sich vorher zudem den Schweiß und Staub des ganzen Tages abwaschen kann, wesentlich erholsamer und regenerativer ist, als wenn man die Nacht im Schlafsack verbringt und einem die Schnecken über den Schlafsack kriechen …

In der Ergebnisliste finde ich mich auf Rang 29, was für mich eher nebensächlich ist. Viel wichtiger ist mir, dass ich körperlich fast keine Probleme hatte, Müdigkeit kein ernsthaftes Thema war. Ich bin zuvor zwei Mal mehr als 300 Kilometer gefahren, das letzte Mal 2011. Ich hatte davor insgeheim gehofft, dass ich einen knappen 300er-Kilometerschnitt durchhalten kann, aber dass es dann tatsächlich so gut funktionierte, davon war ich selbst überrrascht. Somit war es eine für mich erfolgreiche Teilnahme.

Das Three Peaks ist jedenfalls eine ganz interessante Herausforderung, egal mit welcher Herangehensweise und Taktik man dieses Event in Angriff nimmt. Das Format mit Checkpoints und dazwischen freier Streckenwahl ist genial. Und wie zu Beginn erwähnt: Ja, es ist Urlaub, aber doch ein bisserl anders.

… und dann ist ja noch die Heimreise

Der „normale“ Urlaub begann für mich übrigens am nächsten Tag: Zuerst etwas Sightseeing in Nizza, dann schaute ich im Zielbereich vorbei und danach trat ich meine Heimreise an. Per Rad, denn ich hatte ja noch eine zweite Urlaubswoche für das Three Peaks eingeplant. Daher radelte ich am Nachmittag über Monaco nach Ventimiglia und von dort durch den nördlichen bzw. ligurischen Apennin. Über Brescia und den Gardasee erreichte ich Trient, wo ich am Freitag in den Zug stieg und so die restliche Strecke bis ins Mostviertel absolvierte.

Eine schöne Bilderschau (ohne viel Text …) kannst du hier sehen!