Radreise Andalusien: Auf den Pico del Veleta (3.384 m)

6. Etappe, 26.9.2018: Der krönende Abschluss der Radreise nach Andalusien steht am Programm: 50 Kilometer Anstieg auf den 3.384 Meter hohen Pico del Veleta! Die Straße auf den Pico del Veleta bzw. der höchste Punkt, den man hier in der Sierra Nevada erreicht, ist auch der höchste mit dem Rennrad anfahrbare Punkt in Europa.


Heute wird’s ernst …

Dass heute möglicherweise Schluss mit lustig ist, war schon am Abend des Vortages klar, als unser Reiseleiter mit nicht überhörbarem Nachdruck „8:30 Uhr“ als Abfahrtszeitpunkt für die heutige Etappe ausgab. An den bisherigen Tagen sind wir um 8:30 Uhr noch beim Frühstück gesessen … wir sind ja im Urlaub … aber heute scheinbar nicht mehr.

Nachdem alle von uns ihre Räder aufgenommen haben, navigieren wir zuerst einmal durch den morgendlichen Stadtverkehr in Richtung Sierra Nevada. Genauer gesagt nach Monachil. Wer unseren – heute übrigens sehr fokussierten – Reiseleiter kennt, der weiß auch, dass er Hauptstraßen genauso meidet wie der Teufel das Weihwasser. So kommt es also nicht von ungefähr, dass wir uns anstelle der breiten (und vermutlich eher mäßig ansteigenden) Hauptstraße in die Sierra Nevada auf der Nebenstraße über Monachil befinden. Diese mündet zwar auf ca. 1.500 Metern in die erwähnte Hauptstraße, bis dahin müssen wir aber mit den Tücken kämpfen, die solche Nebenstraßen oftmals mit sich bringen. Und im konkreten Fall liegen die hier um oder über 10 % …

Gruppe von Rennradfahrern bei Monachil.
Rennradfahrer im Anstieg, im Hintergrund die Landschaft Andalusiens.
Rennradfahrer am Collado del Muerto.

Begegnung mit dem Weltmeister …

Tatsächlich überholt uns auf dieser verkehrsarmen Nebenstraße auch nur ein einziges Auto. Und dieses ist sehr auffallend, es trägt nämlich – neben einem Radträger am Autodach – die Aufschrift „Movistar“. Ein paar Minuten danach folgen drei Rennradfahrer in spanischen Nationaltrikots. Soweit, so gut. Vier Tage später ist der zweite Fahrer bei der Straßenradweltmeisterschaft in Innsbruck Weltmeister geworden. Es war Alejandro Valverde …

Leider gibt es von dieser Begegnung nur dieses eine Foto:

Rennradfahrer in spanischen Nationaltrikots bei am Collado del Muerto.

Die „weltmeisterliche“ Nebenstraße haben wir wenig später geschafft. Wir biegen somit nach dieser ersten Prüfung auf die Hauptstraße Richtung Pradollano ein, die zwar in weiterer Folge nur mäßig ansteigt, der Verkehr ist aber doch etwas lästig.

Die finalen 1.000 Höhenmeter am Pico del Velata

Auf etwa 2.300 Metern passieren wir den Retortenskiort Pradollano, wo 1996 die alpine Ski-WM über die Bühne ging. Wenig später erreichen wir auf einer Höhe von 2.500 Metern einige Imbisshütten, die uns auch sehr willkommen sind.

Radfahrer vor der Ortschaft Pradollanao.
Rennradfahrer kurz vor Pradollano.
Straßenschild mit einer Höhenangabe von 2500 Metern.

Während man auf 2.500 Metern Höhe an vielen Alpenpässen schon längst ein Passschild passiert hat, beginnt hier in der Sierra Nevada erst der entscheiden Schlussanstieg. Die Imbisshütten, der öffentliche Parkplatz und die danach folgende große Schranke markieren nämlich das Ende für den öffentlichen Verkehr. Es folgen noch über 800 Höhenmeter bis zum Gipfel des Pico del Veleta, die nur Fußgänger und eben Radfahrer in Angriff nehmen dürfen.

Etwas angespannt sind wir nicht nur wegen des nun aufziehenden Nebels, sondern auch weil es über diesen letzten Abschnitt einige besorgniserregende Berichte im Internet zu lesen gibt, was die Straßenqualität anbelangt.

Vor Ort präsentiert sich die Straße aber in einem tadellosen Zustand. Bei geschätzten fünf bis sieben Steigungsprozenten rollen wir überraschend locker bergauf. Die Umgebung gleicht mit zunehmender Höhe immer mehr einer Mondlandschaft. Schuttflächen und Felsen dominieren, zudem sind die Temperaturen längst in den einstelligen Bereich gesunken. Mit dem umherziehenden Nebel ist es zudem schwer zu sagen, wo der Himmel anfängt und wo der Boden aufhört. „Enterisch“ – fällt da dem gebürtigen Mostviertler spontan ein …

Im Anstieg auf den Pico del Veleta.
Im Anstieg auf den Pico del Veleta.
Im Anstieg auf den Pico del Veleta.

Abgesehen von der sehr dosierten Gastfreundschaft hier oben – wir befinden uns längst über der 3.000er-Grenze – kommen wir überraschend gut voran. Unser „Fahrerfeld“ hat sich längst aufgelöst und jeder kämpft für sich selber.

Einige von uns hatten am Morgen zwar noch Bedenken über die Sinnhaftigkeit bzw. die Erfolgsaussichten dieses Unterfangens. Auch bei diesen Radkollegen dominiert aber nun der Ehrgeiz, das Ziel auf 3.384 Metern zu erreichen. Nach mehr als 2.000 Höhenmetern bergauf ist ein Umkehren so knapp vor dem Ziel nun keine Option mehr.

Die Löcher im Asphalt werden immer länger

Auf etwa 3.200 Metern zeigt der Pico tatsächlich noch seine Zähne. Die letzten Liftanlagen haben wir unter uns gelassen und so wird schlagartig der Asphalt schlechter. Oder besser gesagt, die Löcher in der Asphaltdecke werden länger als der Asphalt selber. Wenig später, auf etwa 3.300 Metern, folgt dann nur mehr eine Schottertrasse, die aber durchaus noch fahrbar ist. Und irgendwie passt es dazu, dass wir auf den allerletzten Metern unsere Räder tragen müssen, um den höchsten Punkt zu erreichen. Geschenke gibt es am Pico del Veleta nicht.

Schlechte Straßenverhältnisse.
Rennradfahrer im Anstieg.
Rennradfahrer auf einer Schottertrasse.

Geschafft, wir stehen am Pico del Veleta!

Egal, ob fahrend oder schiebend. Wir haben es geschafft und stehen auf 3.380 Metern, am Pico del Veleta! Ziel erreicht! Und selbst jene, die während der Auffahrt noch meinten, dass sie der Pico heute sicher nicht mehr sehen wird, haben den Gipfel erreicht. Wenn auch mit etwas Verspätung, aber das ist völlig nebensächlich.

Gratulation allen zehn Startern der heutigen Etappe zum Gipfelsieg! Leider gibt es kein gemeinsames Gipfelfoto, denn auf Grund der 4 °C am Gipfel sind einige schon am Weg zurück bzw. in wärmere Regionen, während sich andere erst die letzten Meter zum Pico hoch kämpfen.

Am Gipfel des Pico del Veleta.
Radfahrer, die ihr Rad durch Geröll schieben.
Kein Gipfelkreuz, sondern eine Betonsäule markiert den höchsten Punkt.
Ausblick vom Pico del Veleta nach Süden.
Wir gratulieren unserem Obmann zum 40er!

Einziges Manko sind die bescheidenen Wetterverhältnisse am Gipfel. Nur kurz lichtet sich ab und zu der Nebel und gibt Ausblicke in die Bergwelt frei. Den höchsten Punkt der Sierra Nevada, den 3.482 Meter hohen Mulhacén, sehen wir leider gar nicht.

Von nun an geht’s bergab: 2.700 Höhenmeter!

Etwas Besonderes ist natürlich auch die Abfahrt von 3.380 Metern bis nach Granada, das auf 700 Metern liegt. Nach Pradollano nehmen wir aber nicht mehr die Variante nach Monachil, auch nicht die Hauptstraße nach Granada, sondern wählen die dritte Möglichkeit über Güéjar Sierra.

Blick auf den Straßenverlauf Richtung Pradollano.

Als wir in Güéjar Sierra ankommen, steuern wir den ersten Gastgarten an und stoßen mit einer Runde cerveza auf diese außergewöhnliche Tour an. Salud! Danach nehmen wir die letzten 20 Kilometer nach Granada in Angriff, die gleichzeitig auch die letzten Kilometer der gesamten Radreise sind.

Dieser Hill-Climb auf den Pico war tatsächlich ein krönender Abschluss einer fantastische Reise. Und jetzt dürfen wir es ja sagen: Den Pico del Veleta sollte man als ambitionierten Rennradfahrer schon in seinem (Rad-)Lebenslauf stehen haben …